Der Umgang mit widersprüchlichen Überlieferungen verdeutlicht anhand zweier Hadithe in Bezug auf die Nacht der Bestimmung -Laylat al-qadr

Die prophetischen Überlieferungen bezüglich der Religion beruhen auf Offenbarung. So ist der Gläubige angehalten, was religiösen Angelegenheiten anbelangt, nur an das zu glauben, was authentisch ist. Und trotz der Authentizität der Überlieferungen ist ein augenscheinlicher Widerspruch darin möglich, welcher jedoch nicht in den kategorischen und eindeutigen Bestimmungen (qaṭʿī, naṣṣ) vorkommt, sondern meist in den Überlieferungen, welche Spielraum für Interpretationen haben (ẓannīyāt). Wenn also in authentischen Hadithen zu einem Thema Widersprüchliches vorgefunden wird, so handelt es sich hierbei meistens um Verständnisdifferenzen und unterschiedliche Betrachtungsweisen dieser augenscheinlich widersprüchlichen Überlieferungen.

Der hanafitische Gelehrte aṭ-Ṭaḥāwī verdeutlichte, dass der Prophet (s) zu seiner Glaubensgemeinschaft gesprochen habe, um ihr ihre Religion zu verdeutlichen. Die Muslime sollen auch wissen, dass im Koran und in der Sunna kein Widerspruch vorhanden sein könne und der Inhalt der gleiche ist, auch wenn es unterschiedliche Wortlaute zu einem gleichen Thema gebe. Im Falle, dass ihnen ein Widerspruch zwischen den beiden Texten erscheine, so finden sie das Gegenteil von dem, was sie zunächst dachten. Und wenn es auch für einige nicht klar sei, so ist dies auf ihr (Miss)Verständnis zurückzuführen und nicht darauf, dass es tatsächlich einen Widerspruch zwischen den authentischen Quellen gebe.[1]

Die früheren Gelehrten haben Bücher geschrieben, worin sie Überlieferungen zusammengeführt haben, die manchen eventuell als widersprüchlich erscheinen könnten, um sie in Einklang zu bringen und die logische Möglichkeit dieses Einklangs zu verdeutlichen. Dies taten sie entweder durch das in Einklangbringen der verschiedenen Überlieferungen oder durch das Vorziehen der stärkeren davon, sodass die weniger starke als außer Kraft gesetzt wird. Das Vorziehen von Beweisen – im Arabischen: at-tarǧīḥ – geschieht, in dem der stärkere unter den sich widersprechenden Beweisen bevorzugt wird, und dabei auch andere Beweise mit einbezogen werden.[2]

Der Hadithgelehrte al-Ḥāzimī verfasste das bekannte Werk al-Iʿtibār und erwähnte in der Einleitung fünfzig Aspekte bzw. Herangehensweisen, wie stärkere Überlieferungen identifiziert werden können.[3]

Der Hadithgelehrte al-ʿIrāqī hat in seinem Kommentar zu Al-Muqaddima l-ibn aṣ-Ṣalāḥ 110 Methoden erwähnt.[4]

Widersprüchliche Hadithe über die Datierung von Laylat al-qadr?

Im Folgenden betrachten wir zwei sich auf den ersten Blick widersprechende Hadithe, die die Laylat al-qadr auf die zehn letzten Nächte festlegen.

In der ersten Überlieferung berichtet Abū Salama:

„Ich befragte Abū Saʿīd, welcher ein Freund von mir war, (über Laylat al-qadr) und er sagte: ,Wir vollführten mit dem Propheten, Friede sei mit ihm, den iʿtikāf (das Sich-zurückziehen in der Moschee) in den mittleren zehn Tagen des Monates Ramadan. Am Morgen des 20. Ramadans kam der Prophet, Friede sei mit ihm, sprach uns an und sagte: ,Ich wurde über (das Datum Laylat al-qadr) informiert, aber ich habe es wieder vergessen – oder: ich wurde dazu gebracht, es zu vergessen. So sucht danach in den ungeraden Nächten der letzten zehn Nächte des Monates Ramadan. [In dem Traum] sah ich mich selbst, wie ich mich in Schlamm und Wasser niederwarf. Also, wer auch immer mit mir im iʿtikāf war, soll mit mir dahin zurückkehren [für weitere zehn Tage].‘ Und so kehrten wir zurück. Zu diesem Zeitpunkt sahen wir kein Zeichen von Wolken am Himmel, aber plötzlich kam eine Wolke und es regnete, bis Regenwasser durch das Dach der Moschee zu tropfen begann, welche aus Blättern von Dattel-Palmen gemacht war. Danach führten wir das Gebet aus und ich sah den Gesandten Allahs, Friede sei mit ihm, in Schlamm und Wasser sich niederwerfen und ich sah die Spuren von Schlamm auf seiner Stirn.“[5]

Laut dieser Überlieferung ist die Laylat al-qadr in die letzten zehn Nächte zu suchen unter Beachtung einiger Merkmale.

In der zweiten Überlieferung, berichtet Ibn ʿAbbās, dass der Prophet, Friede sei mit ihm, sagte:

„Sucht nach Laylat al-qadr in den letzten zehn Nächten vom Monat Ramadan, in der 21., 23. und 25. Nacht.“[6]

Dieser Hadith legt Laylat al-qadr in den letzten zehn ungeraden Nächten fest, wobei die im ersten Hadith erwähnten Merkmale nicht aufgezählt werden, sodass diese Nacht laut der ersten Überlieferung auch in den geraden zahlen bei Vorhandensein der Merkmale stattfinden kann. So könne man meinen, dass sich diese beiden Hadithe auf die Festlegung von Laylat al-qadr widersprechen.

Doch diese Überlieferungen können sich nur in einem Fall widersprechen, nämlich wenn Laylat al-qadr immer am gleichen Tag in jedem Jahr wäre.

Viele Gelehrte vertreten aber die Meinung, dass die Laylat al-qadr in den letzten zehn ungeraden Nächten ist, jedoch sind sie sich uneinig über das genaue Datum darüber und ob sie immer am gleichen Tag ist, oder ob sie jedes Jahr an einem anderen Tag ist.

Dass die Laylat al-qadr von Jahr zu Jahr variiert, wird von vielen Gelehrten vertreten, so schreibt al-ʿIrāqī:

„Ein Großteil der Gelehrten vertritt die Meinung, dass die Laylat al-qadr variiert. So ist sie in einem Jahr in einer Nacht und im nächsten Jahr in einer anderen Nacht. Und dies überlieferte Abū Šaybah in seinem Musnaf über Abū Qillāba und ebenso ist dies die Meinung von Malik und Sufyān aṯ-Ṯawrī und Ahmad b. Ḥanbal.“[7]

Der Gelehrte Ibn al-ʿArabī schrieb, nachdem diesbezüglich die Meinungen angeführt wurden:

„Korrekt ist, dass das genaue Datum der Laylat al-qadr nicht bekannt ist. Aber der Prophet, Friede sei mit ihm, hat zum Ramadan angetrieben, und hat dazu angespornt, dass die Laylat al-qadr in den letzten zehn Nächte zu suchen ist. Er bemühte sich in der Nacht um gottesdienstliche Handlungen, weckte seine Familie und zog seinen Gürtel fest an. Er bestätigte, dass sie in den letzten zehn Nächten ist und in den Überlieferungen befindet sich ein klarer Beweis, dass die Laylat al-qadr variiert und nicht eine spezielle Nacht ist; denn den Traum, den der Prophet, Friede sei mit ihm, hatte (siehe Überlieferung von Abū Salama), war in einem Jahr, an dem die Laylat al-qadr am 21. Ramadan war. Ein Mann befragte ihn, damit er ihm das Datum der Nacht nenne, weil er nicht in der Lage war, alle zehn Nächte mit religiösen Praktiken zu verbringen. Und so wählte der Prophet, Friede sei mit ihm, für ihn die 23. Nacht aus. Und der Prophet würde nicht zulassen, dass dem Mann sein Anteil der laylat al-qadr entgehen würde…“[8]

Diese Meinung wurde von an-Nawawī, al-Muzanī und Abū Bakr Ibn Ḫuzayma, befürwortet. As-Suyūṭī schrieb diesbezüglich:

„Und zwei bedeutsame Imame unserer Rechtsschule haben diese Meinung vertreten. Diese sind al-Muzanī und Abū Bakr Ibn Ḫuzayma: Die Laylat al-qadr wandert wahrlich zwischen den zehn Nächten. In einigen Jahren wandert sie zu einer Nacht und in anderen Jahren zu einer anderen Nacht. Und das in Einklangbringen der Überlieferungen ist nur damit möglich, dass die Laylat al-qadr wandert. All dies stammt von der Aussage an-Nawawīs. Und es wird gesagt: Sie wandert wahrlich zwischen den letzten ungeraden zehn Nächten. Und es wird weiterhin gesagt: Sie wandert wahrlich zwischen den letzten sieben Nächten. Und es wird gesagt: Sie ist in den mittleren zehn geraden Nächten und in den letzten zehn.“[9]

Schlussfolgerung: Diese Überlieferungen, in denen der Prophet, Allahs Segen und Frieden auf ihn, über die Laylat al-qadr spricht, fanden zu verschiedenen Zeiten und Anlässen statt. So ist es möglich, dass jeder Anlass etwas hat, was ihn auszeichnet und von anderen unterscheidet. Darüber hinaus sprach der Prophet durch die Offenbarung (waḥy). Die Offenbarung erneuert sich immer wieder und der Prophet informierte die Menschen über ein Ereignis in eben jener Moment, in dem sich ihm die Informationen darüber erneuert hatten.

 

[1] Šarḥ muškil al-āṯār, Bd. 1, S. 159.

[2] Al-Qāmūs, Bd. 1, S. 221, Lisān al-ʿarab Bd. 2, S. 445.

[3] Ibid. S. 11-23.

[4] At-Taqyīd wa al-īḍāḥ.

[5] Überliefert bei Buḫārī, Nr. 1912.

[6] Überliefert bei Buḫārī, Nr. 1917.

[7] Ṭarḥ at-Taṯrīb, Bd. 4, S. 157.

[8] Al-Qabas, S. 537

[9] Tanwīr al-Ḥawālik, Bd. 1, S. 237.

 

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