Einige Gegner der prophetischen Sunna behaupten, dass der Gesandte (ṣ) und die Prophetengefährten Abū Bakr (r) und ʿUmar (r) niedergeschriebene Hadithe verbrannt hätten. Für diese Behauptung werden folgende scheinbare Beweise herangezogen:

  1. Zum einen wird eine Überlieferung von Abū Huraira (r) zitiert, in welcher er angibt:

„Während wir eines Tages saßen und die Worte, die wir vom Gesandten (), gehört hatten, niederschrieben, kam der Gesandte (), zu uns und fragte: ‚Was ist das, was ihr niederschreibt?‘ Wir antworteten: ,Das, was wir von dir gehört haben.‘ So sagte er daraufhin: ,Gibt es denn ein Buch neben dem Buch Allahs?‘ Wir antworteten: ,(Nein), nur das, was wir (von dir) hören.‘ Dann sagte er: ,Schreibt das Buch Allahs auf, vermischt nichts mit dem Buch Allahs, gibt es denn ein Buch, neben dem Buche Allahs? Vermischt nichts mit Allahs Buch.‘ Daraufhin sammelten wir alles, was wir zuvor niedergeschrieben hatten, auf dem Boden und verbrannten es.“ [1]

In einer anderen Überlieferungsversion dieses Ereignisses sagte Abū Huraira: „Der Gesandte Allahs () erfuhr, dass von einige Menschen einige seiner Aussprüche niedergeschrieben wurden. Daraufhin stieg er auf die Kanzel (minbar), lobte Allah und sagte: ,Was sind diese Bücher, über die ich Kenntnis erhalten habe, die ihr schreibt? Ich bin nur ein Mensch. Wer etwas niedergeschrieben hat, soll damit hervortreten.‘ Daraufhin hat jeder seine Niederschrift hervorgebracht. Wir fragten: ,Oh Gesandter Allahs, dürfen wir von dir berichten?‘ Er antwortete: ,Ja, berichtet von mir, es ist nichts Falsches daran, und wer über mich vorsätzlich eine Lüge ersinnt, der kann seinen Sitz in der Hölle einnehmen.‘”[2]

  1. Ebenso wird in dieser Angelegenheit eine Überlieferung von der Ehefrau des Propheten (ṣ), Aischa (ra), angeführt, in der sie berichtet:

„Mein Vater besaß 500 niedergeschriebene Aussagen vom Gesandten Allahs (). Eines Nachts war er sehr unruhig und als ich seine Unruhe bemerkte, sagte ich zu ihm: ,Bist du unruhig weil du (körperliche) Beschwerden hast oder ist dir etwas zur Kenntnis gekommen?‘ Als der Tag anbrach, sagte er: ,Oh meine Tochter, bring mir die (niedergeschriebenen) Hadithe, die bei dir sind.‘ Ich brachte sie ihm und daraufhin verbrannte er sie. So fragte ich ihn: ,Wieso verbrennst du sie?‘ Woraufhin er entgegnete: ,Ich hatte Angst davor zu sterben, während manche Hadithe, die ich von jemand anderem, dem ich vertraut habe, gehört habe und er mir jedoch den Hadith nicht korrekt überlieferte. Und ich dann der Grund bin, wieso diese Hadithe weiter überliefert werden.‘“

  1. Zuletzt wird hinsichtlich des Verbrennens von Hadithen eine Überlieferung von ʿUmar b. al-Ḫaṭṭāb angeführt. Al-Qāsim b. Muḥammad überliefert, dass ʿUmar erfuhr, dass die Menschen anfingen, Bücher zu lesen (andere als das Buch Allahs). Dies gefiel ihm nicht, so sprach er sich gegen dieses Handeln aus und sagte: „Oh ihr Menschen, es ist mir zur Kenntnis gekommen, dass ihr angefangen habt, Bücher (neben dem Buch Allahs) zu lesen und die besten Bücher für mich sind die angemessensten Bücher. So soll jeder mit seinem Buch zu mir kommen, damit ich mir eine Meinung darüber machen kann.” Die Menschen nahmen an, er wollte die Bücher so berichtigen, dass keine Widersprüche mehr darin enthalten sind. Also gaben sie ihm ihre Bücher, die er daraufhin verbrannte. Dann sagte er: “Muthannā[3] wie das Muthannā der Leute des Buches (ahl al-kitāb).” [4]

Diese angeführten Überlieferungen werden von den Gegnern der Sunna als angebliche Beweise für die Aberkennung der Rechtmäßigkeit der Sunna genutzt.

Im Folgenden wird auf diese Überlieferungen näher eingegangen.

Die Überlieferung von Abū Huraira (r)

Die erste Überlieferung von Abū Huraira (r) in der die Niederschrift der Hadithe verboten wird, wird von Imam Aḥmad in seinem Musnad überliefert. Darin führt er den isnād von ʿAbd ar-Raḥmān b. Zaid b. Aslam an, welcher von seinem Vater überlieferte, welcher wiederum von ʿAtāʾ b. Yasār berichtete, dass Abū Huraira (r) diesen Hadith berichtete. 

Diese Überlieferung wurde seitens vieler Gelehrter als unauthentisch eingestuft, weil sie von ʿAbd ar-Raḥmān b. Zaid überliefert wurde. Große Hadithgelehrte haben ihn als ein schwacher Tradent eingestuft. Des Weiteren erwähnte Ibn Abī Ḥātim: “Er war ein rechtschaffener Mensch, jedoch war er nicht stark in der Überlieferung der Hadithe, seine Hadithe sind nicht authentisch.‘ Darüber hinaus gab er an: “Abū Zurʿah wurde über ihn befragt, woraufhin er antwortete: ,Er ist schwach, ʿAlī ibn al-Madīnī hat ihn als sehr schwach eingestuft.‘”[5] Zusätzlich wurde er von Ibn Ḥibbān in „Al-Maǧrūḥīn“ erwähnt: „Er ist von denjenigen, die Überlieferungen unwissend verdrehten, (…) so sehr, dass der Gebrauch und die Zitierung seiner Überlieferungen vermieden wurde.”[6]

Ebenso äußerte aḏ-Ḏahabī: “Al-Buḫārī sagte: ,ʿAlī ibn al-Madīnī hat ʿAbd ar-Raḥmān als sehr schwach eingestuft.‘ Und an-Nasāʾī sagte: ,Er ist schwach.‘ Dann erwähnte er ʿAbd ar-Raḥmāns Hadith, wo der Gesandte (ṣ) Niederschriften sammelte und sie verbrennen ließ (siehe vorherigen Hadith) und kommentierte dazu: „Dies ist ein munkar-Hadith.”[7]

Aus dem soeben angeführten Belegen lässt sich schlussfolgern, dass dieser Hadith, aufgrund ʿAbd ar-Raḥmān b. Zaid b. Aslam als unauthentisch betrachtet werden muss.

Folglich ist es nicht gestattet, die Überlieferung als Beweis zu nutzen. Darüber hinaus ist es ebenso wenig gestattet, diese Überlieferung Abū Huraira (r) oder dem Gesandten (ṣ) zuzuschreiben. Zusätzlich sollte beachtet werden, dass in weiteren, authentischen Hadithen über das Gegenteil berichtet wird. Dies wurde in einem anderen Beitrag dargelegt. Beispielsweise berichtet ʿAbdullāh b. ʿAmr, dass er sagte: “Oh Gesandter Allahs (), darf ich das, was ich von dir höre, niederschreiben? Er () sagte: ,Ja.‘ Ich fragte: ,Im Zustand von deiner Zufriedenheit und Unzufriedenheit?‘ Er () sagte: ,In dieser Angelegenheit (der Religion) spreche ich nur die Wahrheit, (egal in welchem Zustand ich mich befinde).‘”[8]

Diese Überlieferung beinhaltet einen der aussagekräftigsten und relevantesten Beweise darauf, dass die Niederschrift der Hadithe zur Zeit des Gesandten (ṣ) Ebenso hat er seine Gefährten in einem weiteren Hadith aufgefordert, seine Freitagspredigt für Abū Shāh aufzuschreiben, nachdem dieser es gefordert hatte.[9]

Die Überlieferung von Aischa (r)

Auch die Überlieferung, dass Abū Bakr (r) Hadithe verbrannt haben soll, ist unauthentisch. In der Überlieferungskette des Hadithes befindet sich eine unbekannte Person. Aḏ-Ḏahabī erwähnte diese Überlieferung und sagte: „dies ist nicht authentisch, und Allah weiß es am Besten”[10] Auch der bekannte Gelehrte Ibn Kaṯīr hat diese Überlieferung ebenfalls abgelehnt, indem er angab: “Diese Überlieferung ist ġarīb.[11] Darüber hinaus ist ʿAlī b. Ṣāliḥ, welcher einer der genannten Überlieferer in der Überlieferungskette ist, eine unbekannte Person.” Somit ist es nicht möglich die Zuverlässigkeit der unbekannten Person zu ermitteln, was zur Folge hat, diese Überlieferung als unauthentisch einzustufen.

Die Überlieferung von ʿUmar al-Ḫaṭṭāb (r)

Auch die Überlieferung, dass ʿUmar (r) Bücher verbrannt haben soll, wo Hadithe niedergeschrieben wurden, ist nicht authentisch, da die Überlieferungskette unterbrochen (munqaṭʿi) ist. Der Tradent Al-Qāsim b. Muḥammad hat von ʿUmar keine Überlieferungen gehört. Diese Geschichte wird von ʿUmar (r) mit seiner Überlieferungskette zu al-Qāsim b. Muḥammad berichtet, dass er sagte, dass zu ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb Kenntnis gekommen ist und zitierte den oben genannten Hadith. Al-Qāsim b. Muḥammad überliefert sie von ʿUmar, jedoch sind die beiden Jahre voneinander entfernt. Er wurde dreizehn Jahre nach ʿUmars Tod geboren. Dies bedeutet, dass die Authentizität dieser Überlieferungskette nicht festgestellt werden kann aufgrund der erwähnten Lücke in der Überlieferungskette. Somit kann auch diese Erzählung nicht als Beweis genutzt werden.  

Darüber hinaus geht aus dieser Überlieferung nicht hervor, dass ʿUmar die Niederschrift der Hadithe kritisierte. In dieser Geschichte wollte ʿUmar die Menschen darauf hinweisen, dass ihre größte Aufmerksamkeit dem Koran gewidmet werden sollte und sie sich nicht mit etwas anderem neben den Koran beschäftigen sollten, denn es ist nicht erlaubt den Koran sinngemäß zu überliefern (zu rezitieren und zu lehren). Man muss ihn auf der Art und Weise überliefern, wie Allah ihn herabgesandt hat, d.h. mit der gleichen Wortwahl. Deswegen sagte ʿUmar: “Muthana wie das Muthana der Leute des Buches.” Und in einer anderen Überlieferung heißt es: “Ich erinnerte mich an Menschen, die vor euch waren, die Bücher niedergeschrieben haben, sich mit ihnen befasst haben und das Buch Allahs deswegen dann vernachlässigt haben.”[12]

Aus dieser Überlieferung lässt sich konstatieren, dass ʿUmar verhindern wollte, dass die Menschen den Koran vernachlässigen. Denn das Lesen des Korans gilt als Gottesdienst und es ist das Buch Allahs. Aus dieser Geschichte geht aber nicht hervor, dass ʿUmar die Bücher verbrannte, weil er fürchtete, dass sie Lügen und Unwahrheiten enthalten. Vielmehr wollte ʿUmar, dass die Aufmerksamkeit der Menschen dem Koran gewidmet wird, denn ʿUmar selbst schrieb Hadithe nieder, wie andere auch. Und er hat die Niederschrift der Sunna erlaubt. Es wurde nämlich im Griff seines Schwertes ein kleines Buch gefunden, wo Angelegenheiten der Sunna und der Organisation des Staates niedergeschrieben wurden.

Fazit: Keine der oben angeführten Überlieferungen ist authentisch, und sollte somit nicht als Beweis für den Verbot der Hadithniederschrift herangezogen werden, geschweige denn, als Beweis für die Ablehnung der prophetischen Sunna.

 

 

[1] Musand Imām Aḥmad, Nr. 11107.

[2] Die Niederschrift des Wissens, S. 34–35.

[3] Muthannā: Ein Buch, das von den Rabbinern der Kinder Israels nach Moses, Friede sei mit ihm, geschrieben wurde und ihre Begehren enthielt.

[4] Al-Ḫaṭīb al-Baġdādī: Die Niederschrift des Wissens, S. 52.

[5] Ibn Abī Ḥātim: Al-Ǧarḥ wat-Taʿdīl, 5/233–234.

[6] Ibn Ḥibbān: Kitāb al-Maǧrūḥīn, 2/57.

[7] Aḏ-Ḏahabī: Mīzān al-Iʿtidāl, 2/564–565. Ein munkar-Hadith ist ein sehr schwacher Hadith.

[8] Ein authentischer Hadīth von Aḥmad in seinem Musnad (Musnad ʿAbdullāh ibn ʿAmr) berichtet, Nr. 6930, Ṣaḥīḥ nach Aḥmad Aš-Šākir.

[9] Al-Buḫārī; Nr. 112.

[10] Aḏ-Ḏahabī: Taḏkirat al-Ḥuffāẓ, 1–5.

[11] Ein Hadith, der in einer oder mehreren Generationen des isnāds nur von einer Person überliefert wird.

[12] ʿAbd ar-Razzāq: al-Musannaf, Nr. 20484.

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