Hatte der Prophet Muhammad (ṣ) Selbstmordgedanken?

Es wird überliefert, dass der Prophet (ṣ) einen Selbstmordversuch unternommen habe, als er eine Zeitlang keine Offenbarungen (waḥy) mehr bekam. Dies wird in dem „aṣ-aḥīḥ“ des Imam al-Buḫārī erwähnt. Nun stellt sich die Frage, inwiefern diese Aussage authentisch ist und mit welcher Absicht al-Buḫārī diese Erzählung in seiner Hadithsammlung erwähnte.

In diesem Artikel wird auf diese Fragestellung näher eingegangen und die Überlieferung diesbezüglich untersucht.

Der Überlieferungstext

Über die Mutter der Gläubigen, ʿĀʾiša, möge Allah mit ihr zufrieden sein, wird überliefert, dass sie gesagt hat: „Der Beginn der göttlichen Offenbarung (waḥy) für Allahs Gesandten war in Form von guten Träumen, die wie helles Tageslicht wahr wurden.“[1]

Der Imam az-Zuhrī fügte danach, ohne eine Überlieferungskette zu erwähnen, den Zusatz: „Die Offenbarung blieb eine Zeit lang aus und der Prophet (ṣ) empfand eine unheimliche Traurigkeit deswegen, wie es uns erreicht hat (arab. fīmā balaġana), sodass er sich letztendlich von dem höchsten Gipfel eines Berges werfen wollte. Immer, wenn er auf den Gipfel eines Berges zukam, um sich davon zu stürzen, erschien ihm Gabriel und er sagte: ,Du bist wahrlich der Prophet Allahs.‘ Und so beruhigte sich der Prophet und kehrte zurück. Und wenn die Offenbarung wieder einmal nachließ und er wieder zu dem Berg ging, erschien im Gabriel und wiederholte ihm diese Worte.“[2]

Ist dieser Zusatz von az-Zuhrī authentisch?

Diese Überlieferung wird der Hadith des „Beginns der Offenbarung“ an den Gesandten Gottes (ṣ) genannt und sie wurde von Imam al-Buḫārī an mehreren Stellen in seinem „aḥīḥ“ überliefert und ist zweifelsfrei authentisch.

Allerdings wird der Zusatz, welchen az-Zuhrī ohne Überlieferungskette hinzufügte, nur an einer Stelle im Kapitel „Kitāb at-Taʾbir“[3] erwähnt.

Einige Hadithgelehrten erwähnen, dass der Grund, warum der Imam al-Buḫārī diesen Zusatz in seiner Hadithsammlung erwähnte, derjenige ist, dass er auf die Schwäche dieses Zusatzes hinweisen wollte. Die Übertragungsform, die az-Zuhri auch benutzt (wie es uns erreicht hat (arab. fīmā balaġana) impliziert eine Schwäche. Der Hadithgelehrte Ibn Ḥaǧar (gest. 852 H.) schrieb diesbezüglich: „Derjenige, der sagte: ,wie es uns erreicht hat‘ ist az-Zuhrī. Diese Aussage ist so zu verstehen, dass es die Summe dessen ist, was uns von dem Hadith vom Gesandten Allahs (ṣ) in dieser Geschichte erreicht hat. Es ist eine von den Übermittlungen (balāġāt) von az-Zuhrī, und sie ist nicht verbunden (arab. mawṣūl bzw. muttaṣil).“[4]

Der zeitgenössische Gelehrte Abū Šahba sagte: „Diese Überlieferung erfüllt nicht die Voraussetzungen eines authentischen Hadiths, weil sie zu den balāġāt gehört. Solche Übermittlungen werden wie unterbrochene (munqaṭiʿ) Hadithe behandelt. Ein unterbrochener Hadith wiederum gehört zu den schwachen Hadithen. Vielleicht hat al-Buḫārī diesen Hadith erwähnt, um darauf hinzuweisen, dass dies dem widerspricht, was er über den Hadith vom Anfang der Offenbarung erwähnt hatte, in dem dieser Zusatz nicht erwähnt wurde. Wenn diese Überlieferung authentisch wäre, dann würden wir eine plausible Interpretation dafür angeben. Auch das, was aus der Biografie des Propheten (ṣ) bekannt ist, widerlegt dies. Denn es gab Situationen, während seiner Aufgabe als Gesandter, die schwerwiegender und schlimmer waren als diese Situation aus dem Hadith. Und trotzdem dachte er nicht daran, Selbstmord zu begehen, indem er sich von einem hohen Berg stürzt oder sich selbst zu töten aus lauter Wut und Trauer.“[5]

Darüber hinaus sagte Abū Šahba: „Wir leugnen nicht, dass der Prophet (ṣ) tiefe Trauer über die Unterbrechung der Offenbarung empfunden hat, aus Angst, dass dies die Unzufriedenheit Allahs mit ihm bedeutete. Denn Allah war es, dem Propheten alles leicht machte, von den Strapazen und Nöten des Lebens, solange er auf dem Weg Allahs war und sich Allahs Wohlgefallen darin befand. Und es gibt keinen Beweis für diese Ergänzung, die Gabriel jedes Mal zum Propheten sagte, wenn er einen Berggipfel betrat: ,O Muhammad, du bist wahrhaftig der Gesandte Allahs‘. Und es gibt keinen Beweis dafür, dass er es immer wieder wiederholte, wenn der Prophet wieder einen Berg bestieg. Wenn dies wahr wäre, hätte ein einziges Mal gereicht, um den Propheten (ṣ) zu bestätigen und ihn von seinem Vorhaben abzubringen.“[6]

Dieser Zusatz stammt also aus az-Zuhrīs Übermittlungen (balāġāt), und er erwähnte nicht, wer es ihm überliefert hat. Die Hadithgelehrten sind der Meinung, dass die mursal-Überlieferungen von az-Zuhrī und seine balāġāt aufgrund ihrer Schwäche abgelehnt werden. Denn „er ​​überlieferte mursal-Überlieferungen über jeden“.[7]

Yaḥyā bin Saʿīd sagte: „Die mursal-Überlieferungen von az-Zuhrī sind schlimmer als die von jemand anderem. Denn er ist ein Hafiz und alles, was er nennen konnte, hat er genannt. Wenn er Personen auslässt, dann nur, wenn er es sich selbst nicht erlaubt, sie (aus einem bestimmten Grund) zu erwähnen (d.h. sie waren schwach).“[8]

Der Imam Aš-Šāfiʿī sagte über seine mursal-Überlieferungen sie seien nichts.[9]

Das gleiche sagte auch Yaḥyā bin Maʿīn: „Die mursal-Überlieferungen von az-Zuhrī sind Nichts.“[10]

Nun wird diese Erzählung auch mit ununterbrochenen Überlieferungsketten überliefert. Jedoch werden sie alle abgelehnt, weil sie entweder schwach sind, oder weil sie erfunden sind.[11]

Der Hadithgelehrte al-Albānī untersuchte diese Überlieferungen und kam zu dem Ergebnis, dass sie alle schwach sind. Er schrieb: „Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Hadith in der Überlieferungskette schwach ist, und im Überlieferungstext verworfen wird. Das Herz des Gläubigen beruhigt sich nicht dabei, diesen schwachen Überlieferern zu glauben, hinsichtlich dem, was sie dem Gesandten Allahs (ṣ) zugeschrieben hatten, über die Absicht, sich selbst zu töten, indem er sich vom Berg wirft. Es gibt einen authentischen Hadith, der besagt: „Derjenige, der sich von einem Berg wirft und sich selber umbringt, wird in das Feuer der Hölle geworfen und dort auf ewig verbleiben.“ Auf die Authentizität dieser Überlieferung haben sich Muslim und al-Buḫārī geeinigt. Vor allem haben diese schwachen Überlieferer den vertrauenswürdigen Huffaz, die den Hadith überliefert haben, widersprochen.[12]

Ist dies ein Grund al-Buḫārī zu kritisieren und sein Werk anzuzweifeln?

Einige Zeitgenossen kritisierten dem Imam al-Buḫārī, weil er diesen Zusatz in seinem „aḥīḥ“ erwähnte. Es wurde aber dargelegt, dass er ihn in einer Form zitierte, die nicht seinen Bedingungen entspricht, nämlich als balāġ. Diese Übermittlungsform ist per se eine Schwäche. Somit hat al-Buḫārī durch sein Zitat, vor der Schwäche dieses Zusatzes gewarnt. Denn es ist bekannt, dass Imam al-Buḫārī beabsichtigte, nur authentisch Überlieferungen anzuführen.

Fazit: Die Überlieferungen, dass der Prophet (ṣ) einen Selbstmord begehen wollte sind alle schwach. Der Zusatz in al-Buḫārī, welcher von az-Zuhrī angeführt wird, hat keine Überlieferungskette und entspricht somit nicht den Bedingungen von al-Buḫārī. Somit ist auch dieser Zusatz schwach. Al-Buḫārī erwähnt diesen Zusatz, um auf seine Schwäche hinzuweisen, nicht um ihn als ein authentisches Ereignis darzustellen.  

 

 Endnoten:

[1] Überliefert bei Ṣaḥīḥ al-Buḫārī, 6982.

[2] Diese balāġ (Übermittlung) hat al-Buḫārī überliefert (9/29) und Aḥmad (43/113-114) und ʿAbd ar-Razzāq (9719).

[3] Ṣaḥīḥ al-Buḫārī, 9/29.

[4] Ibn Ḥaǧar: Fat al-Bārī, 12/359.

[5] Abū Šahba: As-sīra an-nabawīya ʿala ḍawʾ al-qurʾān was-sunna, Bd. 1, S. 265.

[6] Ibid, Bd. 1, S. 266.

[7] Al- ʿAlāʾī: Ǧāmiʿ at-Taḥṣīl, S. 101.

[8] Ibn Raǧab: Šarḥ ʿillal at-Tirmiḏī, Bd. 1, S. 535.

[9] Ibid.; Ǧāmiʿ at-Taḥṣīl, S. 89-90. As-Suyuṭī: Tadrīb ar-Rāwī, Bd. 1, S. 232.

[10] Al-Bayhaqī: as-Sunan al-Kubrā, Bd. 1, S. 228; Maʿrifat as-Sunan wal-Āṯār, Bd. 1, S. 432.

[11] Al-Albānī: Silsilat al-aḥādī aḍ-ḍaʿīfa wal-mawḍūʿa wa-aṯaruhā as-sayʾī fī al-umma, Bd. 10, S. 451-458. Al-Albānī hat in diesem Werk gründlich diese Überlieferungen untersucht und ihre Schwäche dargelegt.

[12] Ibid, Bd. 10, S. 456-457.

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