Der Ṣaḥīḥ des Imam Muslim

by | Aug 3, 2020

Abstract

 

In diesem Beitrag geben wir eine Einführung in die Entstehungsgeschichte und Methodik der nach dem Ṣaḥīḥ al-Buḫārī zweitauthentischsten Hadithsammlung innerhalb der sunnitischen Wissenschaften: den Ṣaḥīḥ des Imām Muslim.

Hinweis: Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine Kurzfassung. Ein ausführlicher Beitrag über den Imam Muslim und sein Ṣaḥīḥ wird demnächst veröffentlicht.

 

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Der Autor

Imam Muslims vollständiger Name lautet: Abū al-Ḥusayn Muslim b. al-Ḥaǧǧāǧ b. Muslim al-Qušayrī an-Naysābūrī. Er war ein Imām, ein großer Hadithgelehrte und zähle unter den Hadithkritikern. Er lebte von 204 bis 261 n. H.[1] Nach der westlichen Zeitrechnung entspricht dies den Jahren 820 bis 875 nach Christus.

Der Titel des Buches

Unter den Gelehrten ist dieses Werk unter dem Namen Ṣaḥīḥ Muslim bekannt.

Ibn aṣ-Ṣalāḥ (gest. 643/1245) berichtet: „Uns wurde überliefert, dass Muslim sagte: ,Aus 300.000 Hadithen, die ich gehört habe, stellte ich das (Werk) Al-Musnad aṣ-Ṣaḥīḥ zusammen‘.“

Ebenfalls sagte Ibn aṣ-Ṣalāḥ: „Uns erreichte von Makkī b. ʿAbdān, dass er Muslim b. al-Ḥaǧǧāǧ sagen hörte: ,Selbst wenn die Leute des Hadith 200 Jahre lang Hadithe aufschreiben würden, so wäre dieser Musnad ihr Angelpunkt.‘ Damit meinte er sein Al-Musnad aṣ-Ṣaḥīḥ.“[2]

Hieraus lässt sich schlussfolgern, dass der Imam Muslim sein Werk mit Al-Musnad aṣ-Ṣaḥīḥ betitelte.

Gründe für seine Abfassung

In seinem Vorwort nennt der Imam Muslim zwei Gründe, die ihn dazu bewogen, den Al-Musnad aṣ-Ṣaḥīḥ zu verfassen. Zum einen erwähnt er, dass es eine Antwort auf die Frage eines seiner Schüler war: „Im Anschluss werden wir  so Allah will  mit der Entwicklung des (Werkes), dessen Abfassung du dir gewünscht hast, beginnen. Dies wird nach gewissen Kriterien, die ich dir jetzt darlegen werde, erfolgen.“

Zum anderen motivierte ihn die große Anzahl der zu seiner Zeit im Umlauf befindlichen veröffentlichten Werke, die viele aʿīf-Überlieferungen, munkar-Überlieferungen und wāhiyāt-Überlieferungen (sehr schwache Überlieferungen befinden) waren. Dazu sagte er in seinem Vorwort: „Doch weil, wie wir dir bereits berichteten, die Leute anfingen, Überlieferungen mit schwachen und unbekannten Überlieferungsketten zu verbreiten und sie der Allgemeinheit, die ihre Mängel nicht kennt, zugänglich zu machen, wurde unser Herz weich, und wir erfüllten dir deine Bitte.“

Imam Muslims Methodik in seinem Ṣaḥīḥ

Imam Muslim entwickelte in seinem Vorwort eine Methodik, nach der er in seinem Buch verfahren wollte. So schrieb er: „Wir werden uns einer Reihe von Überlieferungen zuwenden, die auf den Gesandten Allahs (ṣ) zurückzuführen sind, und sie dann – ohne Wiederholung –  in drei Teile und drei Klassen von Menschen teilen, es sei denn, wir gelangen an einen Punkt, an dem die Wiederholung eines Hadiths mit zusätzlicher Bedeutung oder mit einer Überlieferungskette, in der ein verdeckter Mangel vorliegt, unentbehrlich scheint; denn eine zusätzliche Bedeutung im Hadith nimmt den Platz eines vollständigen Hadiths ein. Daher muss der Hadith, in dem sich das, was wir als Zusatz beschrieben haben, befindet, zweifellos wiederholt werden, oder seine darin vorkommende Bedeutung muss, wenn möglich, in Kurzform detailliert angeführt werden. Doch liegt in der detaillierten Anführung der (in seiner Gesamtheit vorliegenden) Bedeutung eine gewisse Schwierigkeit. Sollte es also schwerfallen, ist die Wiederholung des Hadiths in seiner vollständigen Form sicherer.“

Des Weiteren führte er aus: „Was die Hadithe angeht, deren vollständige Wiederholung wir nicht benötigen, so werden wir sie – so Allah der Erhabene will – nicht wiederholen. Im ersten Teil wollen wir Überlieferungen anführen, die reiner und freier von Mängeln sind als andere. Dabei sollen ihre Überlieferer, bezogen auf die Hadithe, rechtschaffen sein und Genauigkeit in ihrer Weitergabe aufweisen. Zwischen ihren überlieferten Versionen sollen keine enormen Unterschiede und auch kein extremes Durcheinanderbringen bestehen. Darauf stößt man bei vielen Hadithüberlieferer und es lässt sich an ihren Hadithen erkennen. Nachdem wir nach den Überlieferungen solcher Überlieferer sorgfältig gesucht haben, lassen wir ihnen Hadithe folgen, in deren Überlieferungsketten sich manch einer von jenen befindet, die in ihrer Gedächtnisstärke und Präzision nicht der bereits erwähnten Sorte (an Überlieferern) gleichkommen. Auch wenn sie sich in dem, was wir beschrieben haben, unter ihnen befinden, so umfasst sie doch die Tatsache, dass ihre Wirklichkeit verborgen geblieben ist, sie alle als wahrhaftig gelten und das Wissen von ihnen genommen werden darf. Beispiele dafür sind ʿAṭā b. as-Sāʿib, Yazīd b. Abī Ziyād, Layṯ b. Abī Sulaym und ihresgleichen, welche die Überlieferungen trugen und sie weitergaben. Folglich sind sie – auch wenn sie bei den Leuten des Wissens bekannt sind – nicht wie ihre anderen Zeitgenossen, die in Bezug auf die Hadithe die von uns beschriebene Rechtschaffenheit und Präzision besaßen. Diese sind sowohl in Bezug auf ihre Lage als auch hinsichtlich ihrer Rangstufe vorzuziehen, da sie bei den Leuten des Wissens in hohem Ansehen stehen und einen erhabenen Wesenszug besitzen.“[3]

Daraufhin schrieb er: „Entsprechend der von uns erwähnten Aspekte schreiben wir – wie du gewünscht hast – die Hadithe über den Gesandten Allahs (ṣ) nieder. Was die Überlieferungen jener angeht, die bei den Leuten des Hadith – oder ihrer Mehrheit – der Lüge bezichtigt werden, so beschäftigen wir uns nicht mit dem Verzeichnen ihrer Hadithe. Zu ihnen gehören ʿAbdullāh b. Miswar Abū Ǧaʿfar al-Madāʾinī, ʿAmr b. Ḫālid, Abdul-Quddūs aš-Šāmī, Muḥammad b. Saʿīd al-Maṣlūb, Ġayyāṯ b. Ibrāhīm, Sulaymān b. ʿAmr, Abū Dāwūd an-Naḫaʿī und ihresgleichen, die der Erfindung von Hadithen und der Produktion von Überlieferungen bezichtigt werden. Wir enthalten uns auch solcher Überlieferer, deren Hadithe meistens sehr schwach (munkar) sind und Irrtum beinhalten. Das Anzeichen einer munkar-Überlieferung ist, dass die vom Überlieferer berichtete Version des Hadiths den Versionen anderer Überlieferer, die zu den Leuten mit starker Merkfähigkeit gehören und mit denen man Wohlgefallen hat, entweder widerspricht oder mit ihnen kaum übereinstimmt.  Ist dies in den meisten Hadithen eines Überlieferers der Fall, so werden seine Hadithe komplett gemieden. Sie werden weder akzeptiert noch berücksichtigt.“[4] 

Die von Imam Muslim für sein ṣaḥīḥ-Werk aufgestellten Kriterien

Die Kriterien von Muslim decken sich im Allgemeinen mit denjenigen, die wir bereits bei Al-Buḫārī in seinem ṣaḥīḥ-Werk erwähnten. Der Leser wird daher auf den dortigen Abschnitt verwiesen.

Gibt es im Ṣaḥīḥ Muslim muʿallaqāt?

Der große Hadithgelehrte Ibn aṣ-Ṣalāḥ schrieb, dass bei der Hadithsammlung von Muslim nur wenige muʿallaqāt vorhanden sind. Abū ʿAlī al-Ġassānī (gest. 498/1104) erwähnte, dass die Überlieferungen in dem Buch von Muslim nur an 14 Stellen eine unterbrochene Überlieferungskette aufweisen.[5]

Der Hadithgelehrte al-ʿIrāqī (gest. 806/1403) bestätigte die Worte von Ibn aṣ-Ṣalāḥs und sagte: „Doch hielt ich es aus Sorgfalt für angebracht, die Stellen dieses ‚wenigen‘ darzulegen.“ Infolgedessen nannte er drei Stellen: Die erste war im Buch „at-Tayammum“, die zweite im Buch „al-Buyūʿ“ und die dritte im Buch „al-Ḥudūd“ (…). Alle wurden in der Form: „Al-Layṯ überlieferte“ angeführt.

Anschließend sagte er: „Die letzten zwei Hadithe im Kapitel al-Buyūʿ und al-Ḥudūd hat Muslim bereits zuvor mit lückenloser Überlieferungskette angeführt und danach erst diese beiden Überlieferungsketten genannt. Demzufolge gibt es im Ṣaḥīḥ Muslim, abgesehen von der Einleitung (muqaddimah) keinen Hadith, der muʿallaq ist und den er nicht irgendwo mit lückenloser Überlieferungskette angeführt hat, außer der Hadith von Abū Ǧahm im Buch „at-Tayammum“. In den restlichen der 14 Stellen überlieferte er sie zuerst mit lückenloser Überlieferungskette und anschließend mit den Worten: ,Der Soundso überlieferte.‘ Ar-Rašīd al-ʿAṭṭār (gest. 662/1263 hat das bereits in seinem Werk Al-Ġurar al-Maǧmūʿah zusammengefasst. Auch ich habe all das in einem Buch dargelegt, das die Hadithe in den Ṣaḥīḥayn (Būḫārī und Muslim), über die in Bezug auf ihre Schwäche und Unterbrechung gehandelt wurde, thematisiert.“[6] 

Der Hadithgelehrte Ibn Ḥaǧar kommentierte die Worte von Al-Ḥāfiẓ al-ʿIrāqī: „Dazu gibt es einiges zu sagen:

Erstens, in Bezug auf seine Aussage ,In den restlichen der 14 Stellen‘. Ar-Rašīd al-ʿAṭṭār erwähnte nur 13 Stellen und eine davon nannte er doppelt. Das, was den Gelehrten dazu bewegte, ist die Tatsache, dass Abū ʿAlī al-Ǧaṣṣānī 14 Stellen erwähnte. Al-Māzirī (gest. 536/1141) übernahm dies wiederum von ihm.

Zweitens: In Bezug auf seine Worte: ,Er überlieferte sie zuerst mit Lückenloser Überlieferungskette und anschließend mit den Worten: ‚Der Soundso überlieferte.‘ Das ist nicht auf alle genannten Hadithe zutreffend, sondern lediglich bei sechs der Fall. Daraufhin nannte sie Ibn Ḥaǧar. Anschließend erwähnte er die restlichen sieben Hadithe samt ihrer wiederholten Form und sagte dann: Demzufolge handelt es sich nur um 12 Hadithe. Davon besitzen sechs die muʿallaq-Form, während sieben davon in Form von Lückenlosigkeit verzeichnet wurden, wobei er in jedem von ihnen den Namen des Überlieferers, der es ihm berichtete, unkenntlich machte. Demzufolge wäre folgende Aussage von ihm angebracht gewesen: ‚Und in ihm befinden sich sechs weitere Stellen über die gesagt wird, sie seien unterbrochen, wobei sie in der Tat nicht unterbrochen sind.‘ So sieht es die Mehrheit der Hadithgelehrten bei einer Überlieferungskette, in der sich ein unkenntlicher Überlieferer befindet. Die Überlieferungskette ist lückenlos, wobei sich in ihm ein unkenntlicher Überlieferer befindet.“[7]   

Das Interesse der Gelehrten am Ṣaḥīḥ Muslim

Außer dem Buch Allahs gab es für die Gelehrten kein Buch, das wichtiger war als die beiden ṣaḥīḥ-Werke. Ihr Interesse am Ṣaḥīḥ al-Buḫārī wurde bereits angeführt. Das Interesse der Gelehrten an diesen beiden Werken begann schon früh. So kamen im vierten und fünften Jahrhundert Werke zum Vorschein, welche die Biographien ihrer Überlieferer anführten, Bücher, die beide ṣaḥīḥ-Werke miteinander kombinierten sowie mustaḫraǧāt und andere Werke.

Die Gelehrten widmeten sich dem Ṣaḥīḥ Muslim, indem sie es vielfach weitertradierten und mündlich vortrugen, wobei unter den Überlieferungsversionen in den späteren Jahrhunderten die lückenlose Version des Buches Ṣaḥīḥ Muslim von Abū Isḥāq Ibrāhīm b. Muḥammad b. Sufyān an-Naysābūrī besondere Bekanntheit erlangte. Er war Fiqhgelehrter, ein und erreichte die Stufe des iǧtihād. Er starb im Jahre 308 n. H.

Einige Erläuterungen des Ṣaḥīḥ Muslim

1. Al-Mufhim fī Šarḥ Muslim von Abdul-Ġāfir b. ʿIsmāʿīl al-Fārisī (gest. 529/1135).

2. Al-Muʿlim fī Šarḥ Muslim von Abū ʿAbdillāh Muḥammad b. ʿAlī b. ʿUmar al-Māzirī al-Mālikī (gest. 536/1141).

3. Ikmāl al-muʿlim bi fawāʾid Šarḥ Ṣaḥīḥ Muslim von Al-Qāḍī Abū al-Faḍl ʿIyāḍ b. Mūsā al-Yaḥṣubī (gest. 544/1149).

4. Šarḥ Ṣaḥīḥ Muslim von Abū ʿAmr b. ʿUṯmān b. aṣ-Ṣalāḥ (gest. 643/1245).

5. Al-Minhāǧ fī Šarḥ Ṣaḥīḥ Muslim b. al-Ḥaǧǧāǧ von Abū Zakariyyā Yaḥyā b. Šaraf an-Nawawī (gest. 676/1277).

Es gibt außer diesen noch insgesamt etwa 50 weitere Erläuterungen und Zusammenfassungen.[8] 

Die Anzahl der Hadithe in Ṣaḥīḥ Muslim

Der bekannte Hadithgelehrte al-ʿIrāqī sagte bezüglich der Anzahl der Hadithe: „Ibn aṣ-Ṣalāḥ nannte nicht die Anzahl der Hadithe in Ṣaḥīḥ Muslim, während sie An-Nawawī in seinen Zusätzen im Werk at-Taqrīb erwähnte. So sagte er: ,Die Anzahl seiner Hadithe liegt, wenn man die Wiederholungen streicht, bei ungefähr 4.000.‘[9] Seine Anzahl inklusive Wiederholungen nannte er nicht, doch übertreffen sie die Anzahl in Al-Buḫārīs Werk aufgrund ihrer vielen Überlieferungswege. Bei Abū al-Faḍl Aḥmad b. Salama fand ich, dass es sich um 12.000 Hadithe handeln solle.“[10]

 

 

[1] Vgl. Aḏ-Ḏahabī: Siyar Aʿlām an-Nubalā, Bd. 12, S. 557.

[2] Ibn aṣ-Ṣalāḥ: Ṣiyānat Ṣaḥīḥ Muslim, S. 67­68.

[3] Vgl. Imām Muslim: Muqaddimah Ṣaḥīḥ al-Imām Muslim, Bd. 1, S. 4–7.

[4] Vgl. Imam Muslim: Muqaddimah Ṣaḥīḥ al-Imām Muslim, Bd. 1, S. 4–7.

[5] Ibn aṣ-Ṣalāḥ: Ṣiyānah Ṣaḥīḥ Muslim, S. 76.

[6] Abū al-Faḍl al-ʿIrāqī: At-Taqyīd wa al-Īḍāḥ, S. 15 (kurzgefasst).

[7] Ibn Ḥağar: An-Nukat, Bd. 1, S. 344­353.

[8] Vgl. Muwaffaq ʿAbdillāh: Muqaddimah taḥqīq kitāb Ṣiyānah Ṣaḥīḥ Muslim li-Ibn aṣ-Ṣalāḥ.

[9] Ǧalāl ad-Dīn as-Suyūṭī: Tadrīb ar-rāwī, Bd. 1, S. 104.

[10] Abū al-Faḍl Abdur-Raḥīm al-ʿIrāqī: At-Taqyīd wa al-Īḍāḥ, S. 15; Abū Abdullāh aḏ-Ḏahabī: Siyar Aʿlām an-Nubalāʾ, Bd. 12, S. 566. Auch Al-Ḥāfīẓ b. aṣ-Ṣalāh nannte die Anzahl der Hadithe in Ṣaḥīḥ Muslim in seinem Werk: Ṣiyānah Ṣaḥīḥ Muslim, S. 99-­100.

 

 

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