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Die Vernachlässigung der Kinder

Inhalt

Einleitung

Die Familie bildet im Islam das Herzstück der Gesellschaft. Eltern tragen eine immense Verantwortung: Sie sind nicht nur dafür zuständig, ihre Kinder zu versorgen, sondern sie auch in der Religion, in guten Charaktereigenschaften und in fürsorglicher Liebe zu erziehen. Doch in vielen Gemeinschaften zeigt sich zunehmend eine gefährliche Erscheinung: Die Vernachlässigung der Kinder durch die Eltern. Dieser Artikel beleuchtet die Folgen solcher Vernachlässigung und ruft gleichzeitig zu einer liebevollen, gerechten und verantwortungsbewussten Erziehung auf.

1. Vernachlässigung der Kinder: Eine verborgene Gefahr

So wie der Ungehorsam (Arab.: ʿuqūq) der Kinder gegenüber ihren Eltern zu den großen Sünden zählt, ist auch die Vernachlässigung der Eltern gegenüber ihren Kindern eine schwere Verfehlung. Häufig ist genau diese Vernachlässigung der Hauptgrund dafür, dass Kinder vom rechten Weg abkommen und sich entfremden. 

Der Prophet Muḥammad ﷺ betonte die Wichtigkeit einer guten Erziehung und warnte davor, diejenigen, die von einem abhängig sind, zu vernachlässigen. In einem ḥadīṯ (Überliefert in Sunan Abū Dāwūd, 1692) sagte er sinngemäß:

„Es genügt einem Menschen als Sünde, dass er diejenigen vernachlässigt, die von ihm abhängig sind.“

Diese Vernachlässigung äußert sich auf vielfältige Weise:

  • Eltern vermitteln ihren Kindern keine religiösen Lehren und Grundlagen.
  • Wichtige Lebenskompetenzen und Fürsorge werden nicht weitergegeben.
  • Kälte und Härte zerstören das kindliche Urvertrauen.
  • Ein Gefühl von Ablehnung führt zu Trotz und Rebellion.

Ibn al-Qayyim (Möge Allāh ihm gnädig sein) sagte sinngemäß:

„Wie viele Eltern haben ihre Kinder durch ihre Nachlässigkeit in der Erziehung zerstört, sodass sie weder sich selbst noch ihre Eltern nach ihrer Reife nutzen konnten.“

Eltern sollten daher barmherzig mit ihren Kindern umgehen, ihnen das Gute beibringen und sie vor dem Schlechten bewahren. Die Liebe zu Allāh in ihrem Herzen zu verankern, ist dabei essentiell.

2. Formen der Vernachlässigung und ihre Folgen

Vernachlässigung von Kindern kann viele Gestalten annehmen und zu tiefgreifenden Problemen führen:

  • Ungleichbehandlung und Ungerechtigkeit
    Einige Eltern behandeln ihre Kinder untereinander ungerecht, bevorzugen manche und benachteiligen andere. Dieses Verhalten kann Wut und Trotz hervorrufen und Kinder von den Werten des Islām abbringen.
  • Härte und Mangel an Liebe
    Übertriebene Strenge, physische oder verbale Gewalt und fehlende Zuneigung führen zu Vertrauensverlust, emotionaler Verletzung und Distanzierung.
  • Fehlendes Interesse an den Bedürfnissen
    Kinder haben körperliche, emotionale und geistige Bedürfnisse. Werden diese ignoriert, fühlen sie sich verlassen und suchen Bestätigung womöglich an Orten, die ihnen schaden könnten.

Allāh, der Erhabene, mahnt uns in Sūrat at-Taḥrīm (66:6):  „O ihr, die ihr glaubt, schützt euch und eure Familien vor einem Feuer, dessen Brennstoff Menschen und Steine sind.“

3. Kinder als Gnade Allahs: Ein hohes Gut

Der Qurʾān beschreibt Kinder als Geschenk und Gnade. Allāh, der Erhabene, sagt in Sūrat an-Naḥl (16:72):

„Und Allāh hat für euch aus euren eigenen Reihen Gattinnen gemacht, aus euren Gattinnen Kinder und Enkelkinder hervorgebracht und euch mit guten Dingen versorgt. Glauben sie denn an das Falsche und verleugnen sie die Gnade Allāhs?“

Kinder sind einer der wertvollsten Wünsche eines Menschen im Diesseits, eine Quelle der Freude für Herz und Seele. Sie sind es, die den Eltern in der Zukunft Ehre, Dankbarkeit und Unterstützung schenken können – wenn die Erziehung gelingt.

In Sūrat al-Furqān (25:74) heißt es: „Und diejenigen, die sagen: ‚Unser Herr, schenke uns von unseren Gattinnen und Nachkommen Freude für die Augen, und mache uns zu einem Vorbild für die Gottesfürchtigen.‘“

Während oftmals die Rechte der Eltern betont werden, ist es genauso wichtig, über die Rechte der Kinder und die mögliche Undankbarkeit (Arab.: ʿuqūq) der Eltern zu sprechen. Auch Eltern können gegenüber ihren Kindern ungerecht und undankbar sein.

4. Beispiele für Undankbarkeit der Eltern

  • Beleidigung der Mutter vor den Kindern
    Werden Mütter vor den Augen ihrer Kinder schlecht behandelt, beschimpft oder gar geschlagen, so erzeugt dies Zorn und Ablehnung bei den Kindern. Sie verlieren den Respekt vor ihrem Vater und entwickeln ein gestörtes Verhältnis zur Familie.
  • Geiz und Verweigerung des Unterhalts
    Wer die Mittel besitzt, aber seine Familie nicht ausreichend versorgt, begeht eine große Sünde. Manche Kinder sind gezwungen, andere um Hilfe zu bitten oder sogar unerlaubte Wege zu gehen, weil ihr Vater seinen Pflichten nicht nachkommt.
    In einem ḥadīṯ (Bei Muslim (996) überliefert) sagte der Prophet ﷺ:
    „Es ist genug Sünde für einen Mann, dass er diejenigen vernachlässigt, die er versorgen soll.“
  • Verweigerung oder Erzwingung einer Ehe
    Manche Väter verweigern ihren Töchtern die Ehe, um deren Einkommen für sich zu beanspruchen oder aus anderen nicht-islamischen Beweggründen. Andere zwingen sie zu einer Ehe mit ungeeigneten Partnern, ohne deren Religion und Charakter zu prüfen. Beides stellt eine schwere Form von Unrecht dar.
  • Ungerechte Verteilung von Geschenken oder Erbschaften
    Eine bekannte Überlieferung aus den beiden Ṣaḥīḥ-Werken (Al-Buḫārī (2587) und Muslim (3965)) erzählt, wie Nuʿmān ibn Bašīr von seinem Vater etwas geschenkt bekam. Seine Mutter bestand jedoch darauf, dass der Prophet ﷺ als Zeuge hinzugezogen wird. Als der Prophet ﷺ fragte, ob alle Kinder dasselbe erhalten hätten, verneinte der Vater. Daraufhin sagte der Prophet ﷺ:
    „Fürchtet Allāh und seid gerecht gegenüber euren Kindern.“ Anschließend nahm der Vater das Geschenk zurück.
  • Härte und Lieblosigkeit
    Eltern, die ihre Kinder nicht liebevoll behandeln, sondern ihnen nur Härte zeigen, berauben sich und ihre Kinder eines wichtigen Pfeilers der Eltern-Kind-Beziehung. Ein ḥadīṯ berichtet, dass der Prophet ﷺ einst seinen Enkel al-Ḥasan küsste, worauf al-ʿAqraʿ ibn Ḥābiṣ anmerkte, er hätte nie eines seiner zehn Kinder geküsst. Der Prophet ﷺ erwiderte:
    „Wer nicht barmherzig ist, dem wird keine Barmherzigkeit zuteil werden.“ (Überliefert in Ṣaḥīḥ Muslim, 2318)

5. „Jeder von euch ist ein Hüter“

In einem berühmten ḥadīṯ in den beiden Ṣaḥīḥ-Werken (Ṣaḥīḥ al‑Bukhārī, 7138 & Ṣaḥīḥ Muslim, 4724):

„Wisst, dass jeder von euch ein Hüter ist und für seine Schützlinge verantwortlich ist. Der Oberhaupt, der über die Menschen steht, ist ein Hüter und für sie verantwortlich. Der Mann ist Hüter über seine Familie und für sie verantwortlich. Die Frau ist Hüterin im Haus ihres Mannes und über seine Kinder, und auch sie ist dafür verantwortlich. Der Diener des Mannes ist Hüter über dessen Vermögen und ist dafür verantwortlich. Seid euch also bewusst, dass jeder von euch ein Hüter ist und für seine Schützlinge verantwortlich.“

Dies zeigt, dass Eltern ihre Verantwortung in Wort und Tat erfüllen müssen. Worte allein genügen nicht; die Kinder beobachten genau, ob das Verhalten der Eltern mit ihren Ermahnungen übereinstimmt.

Vorbildfunktion und praktische Erziehung

Der beste Weg, Kinder zu lehren, ist das Vorleben guter Taten. Wenn ein Vater möchte, dass sein Kind betet, sollte er selbst sein Gebet pünktlich verrichten und es ihnen zeigen. Will er gehorsame Kinder, sollte er wiederum selbst gehorsam gegenüber seinen eigenen Eltern sein.

Ein schönes Beispiel: Anas ibn Mālik (Möge Allāh mit ihm zufrieden sein) diente dem Propheten ﷺ zehn Jahre lang. Nie hörte er von ihm ein hartes Wort wie „Uf!“ oder Vorwürfe wie „Warum hast du das getan oder nicht getan?“ Dadurch lernte Anas viel mehr durch das vorbildliche Verhalten des Propheten ﷺ als durch bloße Worte. (Überlieferung in Ṣaḥīḥ al-Buchārī, 6038)

Fazit

Kinder sind ein kostbares Geschenk. Ihre Erziehung ist ein anvertrautes Gut (amāna), für das Eltern am Jüngsten Tag Rechenschaft ablegen müssen. Die genannten Beispiele für elterliche Undankbarkeit oder Vernachlässigung verdeutlichen die ernsten Konsequenzen für die heranwachsende Generation und die gesamte Gesellschaft. Wenn Eltern jedoch gütig, gerecht und vorbildlich handeln, legen sie den Grundstein dafür, dass ihre Kinder als rechtschaffene Muslime aufwachsen, die ihren Eltern Ehre erweisen und der Gemeinschaft nützen. Möge Allāh, der Erhabene, uns helfen, unsere Kinder gut zu erziehen und sie zu einer Freude in dieser und der jenseitigen Welt zu machen:

„Unser Herr, schenke uns von unseren Ehepartnern und Nachkommen Augenfreude.“ (Sūrat al-Furqān, 25:74)

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