Die meisten Gelehrten, sind der Ansicht, dass das Fasten am Tag der ʿĀšūrāʾ eine Sunna darstellt. Laut Ibn ar-Rušd gibt es darin eine Übereinstimmung unter den Gelehrten.[1]

Die islamischen Beweise, dass es eine Sunna ist, diesen Tag zu fasten, sind in der Sunna der Propheten – Friede sei mit ihm – zu finden.

In Ṣaḥīḥ Muslim wird überliefert, dass der Prophet (ṣ) sagte:

„Durch das Fasten am Tag von ʿArafa, hoffe ich, dass Allah dadurch die Sünden des vergangenen und des folgenden Jahres auslöscht, und durch das Fasten des Tages von ʿĀšūrāʾ hoffe ich, dass Allah dadurch die Sünden des vergangenen Jahres auslöscht.“[2]

Auch al-Buḫārī[3] überliefert über den Prophetengefährten Ibn ʿAbbās (r), dass er sagte:

„Der Prophet – Allahs Segen und Frieden seien mit ihm – kam nach Medina und sah, wie die Juden den Tag von ʿĀšūrāʾ fasten. Darauf sagte er: „Was ist das?“ – Sie sagten: „Dieses ist ein guter Tag. Dieses ist ein Tag an dem Allah den Propheten Israels vor ihren Feinden gerettet hat, und Moses hat ihn gefastet.“ – Er sagte: „Ich habe mehr Anrecht auf Moses als ihr.“ – So fastete er ihn und ordnete sein Fasten an.“

Problematisch erscheint auf den ersten Blick, was Nāfiʿ überliefert. Er sagt, dass ʿAbdullah b. ʿUmar diesen Tag nicht fastete, außer wenn dieser Tag an einem Tag war, den er im Allgemeinen fastete. So schrieb Ibn ʿAbdulbarr, dass Ibn ʿUmar der Ansicht war, dass es verpönt sei, diesen Tag explizit und absichtlich aufgrund seiner Vorzüglichkeit zu fasten.[4]

Es stellt sich die Frage, ob das Handeln von dem Prophetengefährten Ibn ʿUmar die bekannten Hadithe über die Erwünschtheit des Fastens von ʿĀšūrāʾ außer Kraft setzt.

Die Antwort dazu kann in drei Punkten folgen:

  1. Dies stellt lediglich die Ansicht eines Gefährten dar. Ob die Ansichten der Gefährten eine Beweiskraft (ḥuǧǧa) haben, ist unter den Gelehrten der Rechtslehre umstritten.
  2. Nāfiʿ berichtet über Ibn ʿUmar, dass er diesen Tag nicht zu fasten pflegte. Ein Hinweis dafür, dass er das Fasten als verpönt ansah, gibt es allerdings in dieser Erzählung nicht. Er könnte es auch aus anderen Gründen unterlassen haben.
  3. Die Gelehrten sind sich einig, dass, wenn eine Ansicht eines Gefährten eine Aussage des Propheten (ṣ) widerspricht, sie nicht beachtet bzw. bevorzugt werden kann.

Von daher stellt diese Überlieferung kein Problem bezüglich des Fastens von ʿĀšūrāʾ dar. Die Hadithe über die Vorzüglichkeit sind authentisch. Eine Aufhebung gibt es bezüglich der Vorzüglichkeit auch nicht. Ganz im Gegenteil. Es wird bei Muslim überliefert, dass der Prophet (ṣ) bevor er starb die Vorzüglichkeit bekräftigte und sagte: „Wenn ich das kommende Jahr noch am Leben bin, werde ich auch den neunten Tag dazu fasten.“ Jedoch starb der Gesandte Allahs (ṣ) bevor er das nächste Jahr erreichte.[5]

Aufgrund dessen ist das Fasten von ʿĀšūrāʾ eine Sunna und sollte mit dem Fasten des neunten Tages gefastet werden.

Und Allah weiß es am besten!

Nachtrag:

Eine weitere problematische Fragestellung diesbezüglich ist, dass es unterschiedliche Überlieferungen bezüglich der Weisheit und Gründe des Fastens von ʿĀšūrāʾ gibt.

In der oben genannten Überlieferung bei al-Buḫārī[6] von dem Prophetengefährten Ibn ʿAbbās (r), wird berichtet, dass als der Prophet (ṣ) nach Medina kam und die Juden sah, wie sie den Tag fasteten, fragte er sie nach dem Grund. Sie sagten, es sei der Tag, in dem Moses (s) von dem Pharao gerettet wurde und dass er den Tag (aus Dankbarkeit) gefastet habe. Daraufhin sagte der Prophet (ṣ) „Ich habe mehr Anrecht auf Moses als ihr.“ – So fastete er ihn und ordnete sein Fasten an.“

Das Erste Problem liegt darin, dass dort berichtet wird, dass als der Prophet (ṣ) unmittelbar nach Medina ankam, die Juden sah, wie sie ʿĀšūrāʾ fasteten. Bekannt ist jedoch, dass die Hidschra im Monat Rabīʿ al-Awwal stattfand, d.h. einige Monate nach dem Monat Muḥarram, in dem, der Tag ʿĀšūrāʾ liegt. Hierzu gibt es unter anderem zwei Antworten. a) Der Prophet (ṣ) erfuhr über das Fasten der Juden erst im zweiten Jahr nach der Hidschra. b) Die Juden fasteten ʿĀšūrāʾ gemäß dem Sonnenkalender, was bedeutet, dass es in Zusammenhang mit dem Mondkalender der Tag variieren kann und es zu der Zeit im Monat Rabʿī al-ʾAwwal war. Ibn al-Qayyim befürwortete diesen Erklärungsansatz, da bekannterweise, die Juden und Christen sich nach dem Sonnenkalender richten. Allerdings wurde dieser Erklärungsansatz kritisiert, dass dies bedeuten würde, dass der Prophet (ṣ) seine Gefährten befohlen hätte, ʿĀšūrāʾ im Monat Rabīʿ al-Awwal zu fasten. Darüber hinaus richten sich die Juden beim Fasten auch nach dem Mondkalender. Wie dem auch sei, so kann es möglich gewesen sein, dass der Prophet (ṣ) zu seinen Gefährten sagte, sie sollen den Tag erst fasten, wenn der Monat Muḥarram kam.

Das zweite Problem in dieser Überlieferung ist, dass der Prophet (ṣ) diese Vorzüglichkeit von den Juden angenommen hätte und sie sich für seine Religion beanspruchte. Hierzu gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze: a) Allah offenbarte dem Propheten (ṣ), dass das Fasten an diesem Tag eine Richtige Handlung darstelle. b) In diesem Hadith geht nicht hervor, dass der Prophet (ṣ) die Vorzüglichkeit des Fastens nur von den Juden erfuhr und es vorher nicht kannte. Im Gegenteil, ʿĀʾiša berichtet, dass der Prophet (ṣ) diesen Tag schon vorher fastete, wie auch die Quraschiten in der ǧāhiliyya.[7]

Drittens könnte aus dem Hadith entnommen werden, dass der Prophet (ṣ) diesen Tag, bevor er nach Medina kam, nicht fastete. Jedoch ist dieses Verständnis nicht korrekt. Wie vorhin erwähnt, berichtet ʿĀʾiša, dass die Quraschiten diesen Tag schon in der Zeit der ǧāhiliyya fasteten und dass der Prophet (ṣ) diesen Tag auch schon vorher fastete.

Ein anderes Problem ist die authentische Überlieferung, in der berichtet wird, dass der Prophet (ṣ) sagte: „Wenn ich das kommende Jahr noch am Leben bin, werde ich auch den neunten Tag dazu fasten.“ Jedoch starb der Gesandte Allahs (ṣ) bevor er das nächste Jahr erreichte.[8] Wie kann er die Absicht erst nach ca. 9 Jahren gefasst haben, sich von den Juden durch das Fasten des 9. Muḥarram zu unterscheiden. Auch hierfür gibt es einen plausiblen Erklärungsansatz: Anfangs der Hidschra war es bekannt, dass der Prophet (ṣ) es nicht beabsichtige, sich in einigen Punkten, von den Juden oder Christen zu unterscheiden. Als aber der Grund, dafür nicht mehr vorlag, beabsichtigte er, sich von ihnen zu unterscheiden.

In seiner Dissertation über das freiwillige Fasten erwähnt Xhelili, dass das Fasten von ʿĀšūrāʾ vier Phasen durchging. Diese Erklärung ist auch ein Ansatz, die Unterschiedlichen Überlieferungen in Einklang zu bringen.

  1. Die Phase als sie sich in Mekka befanden. Er fastete diesen Tag, ordnete aber seine Gefährten nicht an, ihn zu fasten. Dies geht aus der Überlieferung von ʿĀʾiša hervor. In einer Version sagte der Prophet: „Wer es fasten möchte, soll es tun und wer nicht, kann es unterlassen.“
  2. Als der Prophet (ṣ) Medina ankam und die Juden sah, wie sie ihn fasteten, ordnete er das Fasten an und sagte „Ich habe mehr Anrecht auf Moses als ihr.“
  3. Als im zweiten Jahr nach der Hidschra das Fasten im Monat Ramadan verpflichtet wurde, wurde die Pflicht des Fastens von ʿĀšūrāʾ aufgehoben. Hierzu kann die Überlieferung von Ibn ʿUmar herangezogen werden. Auch Ibn Masʿūd berichtet, dass dieser Tag gefastet wurde bevor das Fasten im Ramadan verpflichtet wurde. Dann fastete man ihn nicht mehr.
  4. Am Ende seiner Lebenszeit, wollte der Prophet (s) die Juden widersprechen und beabsichtigte den Tag und einen davor zu fasten, starb aber noch bevor er das kommende Jahr erreichen konnte – Friede und Segen seien mit ihm.[9]

Und Allah weiß es am besten.

 

 

 

 

[1] Ibn ar-Rušd: Bidāyat al-muǧtahid, Bd. 2, S. 746.

[2] Ṣaḥīḥ Muslim Nr. 1162.

[3] Ibid., Nr. 1965.

[4] Al-Istiḏkār, Bd. 10, S. 133.

[5] Ṣaḥīḥ Muslim Nr. 1916.

[6] Ibid., Nr. 1965.

[7] Ṣaḥīḥ Muslim Nr. 1125.

[8] Ṣaḥīḥ Muslim Nr. 1916.

[9] Vgl. Xhelili Fidan: al-Aḥādīṯ al-warida fī iyām aawwuʿ, S. 33.

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