Der Imam und Faqīh Abū Ḥanīfa (80-150 n. H.)

Abstract

 

Der folgende Artikel* beschäftigt sich mit der Person Abū Ḥanīfa, welcher als einer der vier großen Imame gilt und nach ihm die sunnitische Rechtsschule der Hanafiten benannt wird. Das Augenmerk liegt hier auf seinem islamischen Bildungsweg und seiner Glaubenslehre. Genauso wird auch seine Anbetung thematisiert und seine diversen Eigenschaften, wie seine Intelligenz, Großzügigkeit, Enthaltsamkeit und Frömmigkeit. Im Anschluss daran werden einige Aussagen von namenhaften Gelehrten über Abū Ḥanīfa angeführt, welche auf seine relevante Stellung innerhalb und für die islamische Gemeinde schließen lassen und seinen religiösen Verdienst hervorheben.

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Infografik

Name und Stammbaum

Abū Ḥanīfas vollständiger Name lautet an-Nuʿmān b. Ṯābit b. Zūṭā at-Taymī, al-Kūfī, mawlā banī taymullāh b. Ṯaʿlaba.

Es wurde überliefert, dass Abū Ḥanīfa ein Nachkommen der Perser gewesen sei und Zūṭā, sein Großvater, aus Kabul stamme. Ṯābit wurde im Islam geboren. Darüber hinaus ist über seine berufliche Situation bekannt, dass Abū Ḥanīfa ein Seidenhändler war.[1]

Die Geburt von Abū Ḥanīfa

Abū Ḥanīfa wurde im Jahr 80 n. H. zur Zeit von den jungen Prophetengefährten geboren und sah Anas b. Mālik als er nach Kūfa (Irak) kam. Jedoch hat er von keinem der Prophetengefährten prophetische Überlieferungen gehört.[2]

Abū Ḥanīfas Streben nach Wissen

Bezüglich Abū Ḥanīfas Bildungsweg soll dieser laut Zufar b. al-Huḏail (gest. 110/728) gesagt haben: „Ich kannte mich in al-kalām[3] so gut aus, dass man mit den Fingern auf mich zeigte.[4] Wir saßen eines Tages in der Nähe von Ḥammād b. Abī Sulaymān (gest. 179/795), als eine Frau zu mir kam und fragte: ,Ein Mann hat eine Frau, die eine Sklavin ist und er möchte sich von ihr gemäß der Sunna scheiden lassen. Wie oft soll er die Scheidung aussprechen?‘ Ich wusste nicht, was ich ihr sagen sollte, so befahl ich ihr, Ḥammād zu fragen, danach zurückzukehren und mir seine Antwort zu berichten. Also fragte sie ihn und er antwortete: ,Er spricht die Scheidung, während sie außerhalb der Menstruation ist und er nach der letzten Menstruation noch keinen Beischlaf mit ihr hatte, einmal aus. Dann lässt er sie für zwei Menstruationsperioden und nachdem sie sich nach der zweiten Periode geduscht hat, ist sie wieder zum Heiraten verfügbar.‘ Sie kam zurück und berichtete mir von seinem Urteil, so sagte ich daraufhin: ,Ich habe kein Verlangen mehr nach al-kalām.‘ Ich nahm meine Schuhe, setzte mich zu Ḥammād hin, hörte seiner Rechtsangelegenheiten zu und merkte mir seine Worte. Er pflegte, sie am nächsten Tag zu wiederholen und ich merkte sie mir, während seine Gefährten sich nicht an seine Urteile erinnern konnten. Er sagte: ,Keiner sitzt in der Mitte der Sitzung neben mir außer Abū Ḥanīfa.‘ Ich begleitete ihn für zehn Jahre, dann sehnte sich meine Seele nach Autorität. Also wollte ich mich von ihm trennen und selbst eine Sitzung veranstalten. So ging ich eines Tages nachmittags hinaus mit dem Vorhaben, dies zu tun. Als ich ihn jedoch erblickte, gefiel es mir nicht mehr, mich von ihm zu trennen. Am Abend erhielt er die Nachricht, ein Verwandter von ihm in Basra[5] sei gestorben. Dieser Verwandter hinterließ Vermögen und hatte keine Erben außer ihn. Er befahl mir, an seiner Stelle zu sitzen, und sobald er ging, wurden mir Fragen über Rechtsangelegenheiten gestellt, die ich zuvor noch nicht von ihm gehört hatte. Ich antwortete auf die Angelegenheiten und schrieb meine Antworten auf. Er war zwei Monate weg. Als er zurückkam, präsentierte ich ihm die Rechtsangelegenheiten – es waren um die sechzig. Er stimmte mir in vierzig zu und widersprach mir in zwanzig. Ich beschloss ihn nicht zu verlassen, bis er starb.“[6]

Auch wenn die Authentizität dieser Geschichte von Imam Aḏ-Ḏahabī angezweifelt wird,[7] so wird hierdurch im Falle seiner Richtigkeit deutlich, dass Abū Ḥanīfa die Nutzlosigkeit seines umfangreichen Wissens in Philosophie bewusst wurde, als er über eine islamrechtliche Angelegenheit befragt wurde und nicht imstande war, darauf zu antworten. In diesem Moment realisierte er seine Lücken in diesem Bereich, weshalb er sich entschloss, an Wissenssitzungen von Ḥammād teilzunehmen, um sein Wissen in der islamischen Jurisprudenz zu erweitern. Als dieser dann wegen familiärer Umstände seine Wissenssitzungen unterbrechen musste und Abū Ḥanīfa an seiner Stelle saß, bemerkte letzterer, dass er trotz seines langen Studiums bei Ḥammād immer noch nicht fähig war, für alle Angelegenheiten ein korrektes islamisches Urteil zu fällen. Aufgrund dessen entschied sich Abū Ḥanīfa nach der Rückkehr Ḥammāds, ihn bis an sein Lebensende zu begleiten und weiterhin von seinem islamischen Wissen zu profitieren und verwarf den vorherigen Wunsch nach eigener Autorität durch eigene Wissenssitzungen.

Aufgrund dieser umfassenden Relevanz, die Ḥammād für Abū Ḥanīfa als Lehrer hatte, sprach Abū Ḥanīfa über ihn: „Ich habe kein Gebet nach dem Tod von Ḥammād gebetet, außer dass ich für ihn und meinen Vater um Vergebung gebeten habe. Ich bitte für jeden, von dem ich lerne und den ich lehre, um Vergebung.“ [8]

Darüber hinaus berichtet Abū Ḥanīfa von einem Treffen mit Abū Ǧaʿfar al-Manṣūr (gest. 185/775), dem damaligen Befehlshaber der Gläubigen, welcher über die Anzahl und Relevanz der Lehrer von Abū Ḥanīfa äußerst erstaunt war und ihn dafür bewunderte. Abū Ḥanīfa sagte: „Ich ging zu Abū Ǧaʿfar al-Manṣūr (gest. 185/775), der Befehlshaber der Gläubigen. Er sagte zu mir: ,Abū Ḥanīfa, von wem hast du Wissen erworben?‘“ Ich antwortete: ,Von Ḥammād von Ibrāhīm (gest. 96/714), von ʿUmar b. al-H̱aṭṭāb und ʿAlī b. Abī Ṭālib und ʿAbdāllah b. Masʿūd (gest. 32/653) und ʿAbdāllah b. ʿAbbās (gest. 68/687).‘ Abī Ǧaʿfar sagte: ,baẖin, baẖin.[9] Abū Ḥanīfa, wie es scheint hast du das Wissen von den Reinen und Gesegneten erworben, möge Allahs Segen auf Ihnen sein.‘[10]

Ebenso berichtete uns Abū Ḥanīfa über einen seltsamen Traum, in dem er das Grab vom Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden auf ihm, ausgrub. Abū Ḥanīfa ließ daraufhin Muḥammad b. Sīrīn (gest. 110/729) über seinen Traum befragen. Dieser sagte: „Dieser Mann wird die Aussagen des Gesandten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, ausgraben.“[11]

Der Traumdeuter Muḥammad b. Sīrīn erklärte folglich, dass das Ausgraben der Grabstätte des Propheten durch Abū Ḥanīfa metaphorisch zu verstehen sei. Nämlich in der Hinsicht, als dass Abū Ḥanīfa die Sunna des Gesandten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, vertritt und dafür Sorge trägt, dass diese angewendet wird.

Die Lehrer von Abū Ḥanīfa

Bezüglich der Lehrer von Abū Ḥanīfa wird überliefert, dass dies unter anderem folgende Persönlichkeiten waren: ʿAṭāʾ b. Abī Rabāḥ, al-Šaʿbī , Ǧabala b. Suḥaim, ʿAdī b. Ṯābit, ʿAbd ar-Raḥmān b. Hurmuz al-Aʿraǧ, ʿAmr b. Dinār, Nāfiʿ mawlā b. ʿUmar, Qatāda, Qais b. Muslim, al-Qāsim b. ʿAbd ar-Raḥmān b. ʿAbdallāh b. Masʿūd, ʿAbdallāh b. Dīnār, ʿAbd al-ʿAzīz b. Rufaiʿ, ʿAṭiyah al-ʿŪfiy, Ḥammād b. Abī Sulaimān – von ihm nahm er sein fiqh-Verständnis – und ʿAbd al-Malik b. ʿUmair, Abī Ǧaʿfar al-Bāqir, Ibn Šihāb az-Zuhrī, Muḥammad b. al-Munkadir, Abī Isḥāq as-Sabiʿī, Manṣūr b. al-Muʿtamir, Muslim al-Baṭīn und viele weitere.[12]

Die Schüler von Abū Ḥanīfa

Darüber hinaus hatte Abū Ḥanīfa zahlreiche Schüler, die in seinen Wissenssitzungen von ihm islamisches Wissen nahmen. Dazu gehören ʿAbd ar-Razzāq b. Hammām (der Scheich von Imam Ahmad), Ḥammād b. Abī Ḥanīfa, Zufar b. al-Huḏail at-Tamīmī, Muḥammad b. al-Ḥasan as-Šaibānī, Wakīʿ b. al-Ǧarāḥ, al-Qāḍī Abū Yūsuf und viele weitere.[13]

Die Glaubenslehre von Abū Ḥanīfa in Grundzügen

Hinsichtlich der islamischen Glaubenslehre Abū Ḥanīfas sagte Yaḥyạ b. Naṣr (gest. 215/830): „Abū Ḥanīfa bevorzugte Abū Bakr und ʿUmar, liebte ʿAlī und ʿUṯmān, glaubte an die Vorherbestimmung Allahs, den guten und schlechten Anteil der Vorherbestimmung, sprach nicht über Allah in einer Angelegenheit ohne darüber wissend zu sein, pflegte es, bei der Gebetswaschung über seine Ledersocken zu streichen und darüber hinaus gehörte er zu den Menschen mit dem umfangreichsten Wissen in der islamischen Jurisprudenz seiner Zeit und er gehörte zu den Gottesfürchtigen.“[14]

Des Weiteren soll Abū Ḥanīfa laut seinem Sohn Ḥammād b. Abī Ḥanīfa (gest. 176/793) gesagt haben: „Die Gemeinschaft (der Muslime) bevorzugt Abū Bakr, ʿUmar, ʿUṯmān und ʿAli und lehnt keinen der Gefährten des Gesandten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, ab. Sie bezichtigt niemanden wegen einer Sünde des Unglaubens und verrichtet das Totengebet für jeden, der sagt: ,Keiner hat das Recht angebetet zu werden außer Allah.‘ Sie streicht über die Ledersocken[15], vertraut Allah ihre Angelegenheiten an und spricht nicht ohne Wissen über Allah.‘“[16]

Über den Koran wird der folgende Ausspruch Abū Ḥanīfas überliefert: „Der Koran ist das Wort Allahs und ist nicht von Menschen erschaffen. Derjenige, der etwas anderes behauptet, ist kein Muslim.“[17]

Es wird berichtet, dass Abū Ḥanīfa über die Propheten sagte, sie alle gehören zu den Paradiesbewohnern und jeder, über den die Propheten sagten: ,Er gehört zu den Menschen im Paradies,‘ der gehört auch zu den Menschen im Paradies. Über die Muslime sagte er, es dürfe über eine bestimmte Person nicht bezeugt werden, dass sie zu den Menschen im Paradies oder im Höllenfeuer gehört. Jedoch wird auf das Gute für diese Person gehofft und das Böse befürchtet und man sagt, wie Allah sagte: ,Und (es gibt) andere, die ihre Sünden bekennen. Sie haben eine rechtschaffene Tat mit einer anderen bösen vermischt. Vielleicht wird Allah ihre Reue annehmen. Gewiß, Allah ist Allvergebend und Barmherzig.‘[18] bis Allah über sie richtet. Es wird für sie gehofft, weil Allah sagte: ,Allah vergibt gewiss nicht, dass man Ihm (etwas) beigesellt. Doch was außer diesem ist, vergibt Er, wem Er will. Wer Allah (etwas) beigesellt, der hat fürwahr eine gewaltige Sünde ersonnen.‘[19] Es wird sich aber um sie gefürchtet, wegen ihrer Sünden. Es gibt niemanden, dem das Betreten des Paradieses vorgeschrieben ist – auch wenn er vermehrt fastet und nachts betet – außer den Propheten und denjenigen, denen die Propheten das Paradies versprochen haben. Über die Polytheisten sagte er, dass sie nicht ins Paradies kommen können.[20]

Darüber hinaus setzt sich laut Abū Ḥanīfa der islamische Glaube aus drei Komponenten zusammen: Dem Wissen (al-maʿrifa), der Überzeugung (at-taṣdīq) und der Akzeptanz des Islams. Die Menschen seien in Bezug auf ihr Bezeugen in drei Stufen unterteilt:

  • Eine Gruppe ist von Allah und von allem, was von ihm stammt, mit ihren Herzen und Zungen[21] überzeugt.
  • Eine andere Gruppe sprach diese Überzeugung aus, jedoch sind ihre Herzen nicht davon überzeugt.
  • Die letzte Gruppe ist von der Angelegenheit im Herzen überzeugt, jedoch lehnen sie es ab, sie mit der Zunge auszusprechen.

Die erste Gruppe, die im Herzen überzeugt sind und diese Überzeugung aussprechen, sind die Gläubige bei Allah und Seine Diener.[22] Diejenigen wiederum, die diese Überzeugung aussprechen, jedoch nicht im Herzen davon überzeugt sind, gelten als Gläubige bei den Menschen und als Nichtgläubige bei Allah. Die Menschen können nicht wissen, was in dem Inneren eines Menschen vorgeht, sie urteilen über ihn anhand dessen, was er von sich offenbart. Es ist genauso wenig auch ihre Aufgabe, das Innere eines Menschen offenzulegen.

Darüber hinaus gibt es unter den Menschen denjenigen, der ein Gläubiger bei Allah ist, jedoch bei den Menschen ein Nichtgläubiger. Dies geschieht, wenn er seine Überzeugung aus einem bestimmten Grund nicht bekannt gibt. So würde ihn derjenige, der ihn nicht kennt, als Nichtgläubigen bezeichnen, während er bei Allah ein Gläubiger sei.“[23]

Über den richtigen Weg und die wesentlichen Bestandteile des Islams belehrt uns die folgende Äußerung Abū Ḥanīfas: „Ich habe ʿAṭā (gest. 115/733) in Mekka getroffen und fragte ihn über eine Angelegenheit. Er sagte: ,Von wo kommst du?‘ Ich sagte: ,Aus Kūfa (Irak).‘ Er fragte daraufhin: ,Du bist aus dem Dorf, wo sie sich in ihrer Religion spalteten und zu Lagern geworden sind?‘ Ich antwortete: ,Ja.‘ Er äußerte dazu: ,Zu welchem Lager gehörst du?‘ Und so sprach ich: ,Zu dem Lager, das die Vorfahren nicht beschimpft, an das Schicksal glaubt und niemanden wegen einer Sünde der Abtrünnigkeit bezichtigt.‘ Er sagte dann zu mir: ,Du kennst (die Wahrheit), so halt dich daran.‘”[24]

Über die Intelligenz von Abū Ḥanīfa

Abū Ḥanīfa soll sehr bekannt für seine Intelligenz gewesen sein. In diesem Zusammenhang berichtet al-Ḥasan b. Ziyād al-Luʾluʾ (gest. 204/819) von folgendem Ereignis: „Bei uns befand sich eine geistig erkrankte Frau, die Umm ʿImrān hieß. Eines Tages ging jemand an ihr vorbei und sagte etwas zu ihr, sie sprach daraufhin zu ihm: ,Oh du Kind von Zweien, die außerehelichen Geschlechtsverkehr hatten.‘ Ibn Abī Lailā (gest. 148/765) war anwesend und hörte, was sie sagte. Er befahl, sie in die Moschee zu bringen, wo er ebenso anwesend war, und bestrafte sie zweimal[25], einmal für den Vater des Mannes und einmal für seine Mutter.“ Als Abū Ḥanīfa von dem Vorfall erfuhr, erklärte er, dass Ibn Abī Lailā sechs Fehler begangen habe:

  • „Der erste Fehler bestand darin, dass psychisch kranke Menschen für ihre Taten nicht bestraft werden.
  • Der zweite Fehler lag in dem Umstand begründet, dass er sie in der Moschee bestrafte, wobei jedoch Bestrafungen nicht in der Moschee vollstreckt werden dürfen.
  • Ein weiterer Fehler war, dass er sie bestrafte, während sie stand. Jedoch dürfen sollche Strafen an Frauen nur im Sitzen durchgeführt werden.
  • Zusätzlich hat er sie zweimal bestraft, und dies sei nicht gestattet. Würde ein Mann ein ganzes Volk der Untreue vorwerfen, würde man ihn trotz dessen nur einmal bestrafen.
  • Der fünfte Fehler liegt darin begründet, dass er sie bestraft hat, während die Eltern, über die in schlechter Weise gesprochen wurde, abwesend waren. Jedoch sollte die Strafe erst erfolgen, wenn beide anwesend sind und die Strafe verlangt haben. Denn die Strafe erfolgt nur dann, wenn sie auch verlangt wurde.
  • Der sechste Fehler war jener, dass er sie zweimal hintereinander bestraft hat. Derjenige jedoch, der zwei Strafen auf sich zu nehmen hat, erhält die zweite Strafe erst, nachdem die erste vergangen ist und eine kurze Periode abgewartet wurde.“

Als die Worte Abū Ḥanīfas Ibn Abī Lailā erreichten, ging er zum Befehlshaber und beschwerte sich über ihn. Daraufhin verbat der Befehlshaber Abū Ḥanīfa, Rechtsgutachten zu geben. Und dies ist das Ereignis, welches dazu führte, dass der Befehlshaber Abū Ḥanīfa verbot, Fatwas zu geben.[26]

Ibn Šubruma (gest. 144/762) berichtet von seiner anfänglichen Abneigung Abū Ḥanīfa gegenüber, die sich dann aber jedoch in Bewunderung wandelte, als er bei einem Aufeinandertreffen Zeuge seiner umfangreichen Versiertheit in islamischen Rechtsfragen und seiner Intelligenz wurde. Ibn Šubruma berichtet: „Ich war Abū Ḥanīfa sehr feindselig gegenüber. Er besuchte einmal die Hajj-Saison, während ich selbst die große Pilgerfahrt ausübte, und die Menschen versammelten sich um ihn und stellten Fragen. Währenddessen stand ich an einem Ort, wo er mich nicht erkennen konnte. Dann kam ein Mann zu ihm und sagte: ,Abū Ḥanīfa, ich wollte dich eine Sache fragen, die mich beschäftigt und traurig macht.‘ Er sagte: ,Was ist diese Angelegenheit?‘ Daraufhin antwortete der Mann: ,Ich habe nur einen Sohn. Wenn ich ihn eine Frau heiraten lasse, lässt er sich von ihr scheiden und wenn ich ihm eine Sklavin gebe, lässt er sie frei. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Gibt es eine Lösung?‘ Er antwortete ihm und gab bekannt: ,Kauf eine Sklavin, mit der er zufrieden ist, und dann lass sie ihn heiraten. Wenn er sich von ihr scheiden lässt, so kehrt sie zu dir als dein Besitz zurück. Wenn er sie frei lässt, so lässt er etwas frei, was nicht unter seinem Besitz ist.‘ Dadurch erfuhr ich, dass der Mann ein Fakih ist und von dem Tag an pflegte ich, ihn nur mit Gutem zu erwähnen.“[27]

Die Intelligenz Abū Ḥanīfas wird ebenso durch die folgende Geschichte deutlich, welche ʿAlī b. al-Madīnī (gest. 234/849), der Scheich von al-Buẖāri, berichtet: „Mir wurde erzählt, dass ein Mann von den Monarchen eine Frau heimlich heiratete und sie ein Kind von ihm bekam, welches er denunzierte. Daraufhin ging sie zu Ibn Abī Lailā, um sich über ihn zu beklagen. Er sagte zu ihr: ,Wo sind deine Beweise, dass ihr verheiratet seid?‘ Sie sprach daraufhin: ,Er hat mich geheiratet und gab an, dass Allah der Wali sei und die Zeugen zwei Engel.‘ Dann sprach er zu ihr: ,Geh!‘ Und warf sie hinaus. Danach ging sie zu Abū Ḥanīfa, erzählte ihm, was geschehen war und bat ihn um Hilfe. Er sagte zu ihr: ,Geh zu Ibn Abī Lailā und sag ihm: ,Ich habe einen Beweis.‘ Wenn er Zeugen gegen deinen Beweis ruft, dann sag zu ihm: ,Möge Allah den Richter rechtleiten. Er sagt, er glaube nicht an den Wali und die zwei Zeugen.‘ Als Ibn Abī Lailā dies ihrem Mann mitteilte, enthielt er sich und konnte es nicht sagen[28]. Er stimmte der Ehe zu, verpflichtete den Mann, die Brautgabe zu zahlen und das Kind wurde als seines angesehen.[29]

Darüber hinaus wird die Begabung Abū Ḥanīfas im Lösen von Rechtsangelegenheiten durch den folgenden Bericht von az-Zubair b. Kuʿaib deutlich. Az-Zubair b. Kuʿaib erzählt, dass Šarīk ihm berichtet habe, dass sie bei der Beerdigung eines Jungen des Stammes der Banū Hāšim waren und viele verschiedenen bedeutende Persönlichkeiten anwesend waren. Plötzlich kam die Beerdigung zu einem Stillstand. Einige Personen fragten nach den Gründen für die Unterbrechung und andere wiederum antworteten, dass die Mutter des Verstorbenen mit einer Gesichtsbedeckung zu der Beerdigung gekommen sei. Jedoch habe ihr Mann geschworen, sich von ihr scheiden zu lassen, wenn sie nicht zurückkehre. Sie schwor alles, was sie besitzt, in Almosen zu geben, wenn er nicht das Totengebet auf ihn verrichtet, bevor sie zurückkehrt. An dem Tag waren Ibn Šubruma und seine Gefährten anwesend und wurden über die Angelegenheit befragt. Jedoch hatten sie keine Antwort parat. Sie schickten also nach Abū Ḥanīfa, welcher kam und zu der Frau sprach: ,Was hast du geschworen?‘ Sie antwortete: ,Ich habe geschworen, dieses und jenes zu tun.‘ Er fragte den Mann: ,Was hast du geschworen?‘ Er antwortete: ,Ich habe geschworen, dies und jenes zu tun.‘ Er sagte: ,Bringt die Liege her.‘ Sie wurde hergebracht und Abū Ḥanīfa sagte zu dem Mann: ,Komm her und bete das Totengebet auf deinen Sohn.‘ Nachdem er mit dem Gebet fertig war, sagte er zu der Frau: ,Kehre zurück. Euer Schwur wurde damit aufgelöst. Tragt den Toten.‘ Die Anwesenden waren mit der Lösung zufrieden. Ibn Šubruma sagte laut Šarīk: ,Frauen sind nicht in der Lage, jemanden wie an-Nuʿmān zu gebären.‘”[30]

Über den vornehmen Charakter Abū Ḥanīfas erwähnte ʿAbdāllah b. al-Mubārak (gest. 181/797): „Ich sagte zu Sufyān aṯ-Ṯaūri (gest. 161/778): ,Der Vater von ʿAbdallāh, Abū Ḥanīfa, ist sehr weit entfernt von Diffamierung und Verunglimpfung. Ich habe ihn nie über einen Feind lästern hören.‘ Er sagte auch: ,Er ist – bei Allah – zu klug, als dass er eine Sache auf sich nimmt, welche seine guten Taten nichtig macht.‘”[31]

Auch ʿAli b. ʿĀṣim (gest. 201/817) äußerte über Abū Ḥanīfas Intelligenz: „Würde man den Verstand von Abū Ḥanīfa und den Verstand der Hälfte der Menschen auf der Erde wiegen, hätte sein Verstand mehr Gewicht.“[32]

Auch war Abū Ḥanīfa äußerst geschickt darin, den Menschen ihr Fehlverhalten auf gütige Weise zu offenbaren und ihnen den richtigen Weg zu leiten. So berichtet Muḥammad b. ʿAbdarraḥmān die folgende Geschichte: Es gab einen Mann in Kufa (Irak), der behauptete, dass ʿUṯmān ein Jude war. Abū Ḥanīfa ging zu ihm und sagte, dass er zu ihm als Heiratsvermittler kam. Der Mann fragte, für wen er gekommen sei und Abū Ḥanīfa antwortete, dass er die Hand seiner Tochter für einen ehrenvollen, reichen und großzügigen Mann wolle, der das Buch Allahs auswendig beherrscht, das Nachtgebet in einer rakʿa verrichtet und aufgrund der Furcht vor Allah viel weint. Der Mann war von der Beschreibung dieses Mannes begeistert. Abū Ḥanīfa fuhr fort indem er erklärte, dass dieser Mann jedoch ein Jude sei. Der Mann entgegnete daraufhin entrüstet, ob Abū Ḥanīfa etwa von ihm erwarte, dass er seine Tochter einem Juden verheiratet. Abū Ḥanīfa fragte nach, ob also der Gesandte, Allahs Segen und Frieden auf ihm, seine Tochter einem Juden verheiratet habe. Daraufhin bat der Mann Allah um Vergebung für den Fehler, den er in der Anschuldigung über ʿUṯmāns, dass dieser ein Jude sei, gemacht hatte und kehrte in Reue zu Ihm zurück.[33]

Yaḥyā b. Maʿīn (gest. 233/847) berichtet von Abū Ḥanīfas klugen und durchdachten Verhalten mit folgender Erzählung: „Die ẖawāriǧ betraten eines Tages die Moschee in Kufa, während Abū Ḥanīfa und seine Gefährten anwesend waren. Er sagte zu seinen Gefährten: ,Geht nicht.‘ Sie (die ẖawāriǧ) kamen zu ihnen und sagten: ,Wer seid ihr?‘ Abū Ḥanīfa entgegnete: ,Wir sind die, die um Schutz bitten.‘ Der Anführer der ẖawāriǧ sagte daraufhin: ,Lasst sie, lasst ihn den Ort erreichen, wo sie in Sicherheit sind und rezitiert ihnen den Koran vor.‘ Sie rezitierten ihnen den Koran vor und ließen sie den Ort erreichen, wo sie in Sicherheit sind.[34]

Abū Ḥanīfas Anbetung

Über Abū Ḥanīfas Gebet werden zahlreiche Aussagen übermittelt. So bestätigen alle Zeitgenossen den immensen Stellenwert des Gebetes per se für Abū Ḥanīfa und seine Bemühungen in diesem Bereich. 

Al-Ḥasan b. Muḥammad al-Laiṯī berichtet: „Als ich nach Kufa (Irak) kam, fragte ich danach, wer sich am meisten in der Anbetung bemüht, und man hat mich zu Abū Ḥanīfa verwiesen.“[35]

Auch Sufyān b. ʿUyaina bestätigt, dass Abū Ḥanīfa „zu den Betenden“ gehörte.[36] Sowie Yaḥyā b. Ayūb az-Zāhid (gest. 234/849) erklärt, dass Abū Ḥanīfa nachts nicht geschlafen habe, da er sich stattdessen vollständig dem Gebet hingab.[37] Dieser Umstand wird von Muḥammad b. Fuḍail bestätigt, denn auch er hat von Abū Muṭīʿ gehört, dass er bei seinem Aufenthalt in Mekka Abū Ḥanīfa und Sufyān stets im ṭawāf gesehen habe, wenn er diesen betrat.[38]

Schlussendlich fasst Abū ʿĀṣim an-Nabīl (gest. 212/827) diesen Umstand zusammen, indem er angibt, dass Abū Ḥanīfa watid[39] genannt wurde, weil er so viel gebetet hat.[40]

Bezüglich Abū Ḥanīfas Verbindung mit dem heiligen Koran sind uns zahlreiche Aussagen überliefert. Zum Beispiel sagte H̱āriǧa b. Muṣʿab (gest. 160/777): „Vier Imame haben den Koran in einer rakʿa abgeschlossen: ʿUṯmān b. ʿAffān, Tamīm ad-Dārī (gest. 40/661), Saʿīd b. Ǧubair (gest. 95/714) und Abū Ḥanīfa.[41]

Dies wird auch von Misʿar b. Kidām (gest. 153/722) bestätigt, denn er sagte: „Ich sah wie Abū Ḥanīfa den kompletten Koran in einer rakʿa las.“[42]

Und über das Gebet von Abū Ḥanīfa sagte Asad b. ʿUmar: „Abū Ḥanīfa hat vierzig Jahre lang das Frühgebet mit der Gebetswaschung vom Abendgebet verrichtet. Er pflegte es, die ganze Nacht den gesamten Koran in einer rakʿa zu beten und weinte in der Nacht, sodass seine Nachbarn Mitleid mit ihm hatten.“[43]

Zuletzt überliefert uns Misʿar b. Kidām: „Ich betrat die Moschee und sah einen Mann beten. Mir gefiel seine Rezitation und nachdem er sieben Suren gelesen hatte, sagte ich zu mir selbst: ,er wird jetzt in den rukūʿ gehen‘. Dann las er ein Drittel (des Korans), dann die Hälfte, und er hörte nicht auf zu lesen, bis er den ganzen Koran in einer rakʿa vollendete. Ich sah den Mann und bemerkte, dass es Abū Ḥanīfa war.“[44]

Aus diesen Aussagen lässt sich schlussfolgern, dass Abū Ḥanīfa derartig mit dem heiligen Koran verbunden war, dass er stundenlang im Gebet verbrachte, um den gesamten Koran in nur einer rakʿa zu lesen.

Abū Ḥanīfas Großzügigkeit

Zu den Charaktereigenschaften Abū Ḥanīfas zählte ebenso seine umfassende Großzügigkeit seinen Glaubensgeschwistern gegenüber. So pflegte er beispielsweise, Waren nach Bagdad zu schicken, Güter damit zu kaufen, um sie dann nach Kufa in den Irak zu bringen. Er sammelte seine Gewinne und beglich damit die Bedürfnisse der älteren Hadithgelehrten. Er sorgte für ihren Lebensunterhalt, Kleidung und alles weitere, was sie benötigten. Dann händigte er ihnen den Rest seines Gewinnes aus und sagte zu ihnen: „Gebt es für eure Bedürfnisse aus und lobt niemanden für das Geld außer Allah, denn ich habe euch von meinem Geld nichts gegeben, sondern dies ist alles die Gnade Allahs mir gegenüber und dies sind die Gewinne eurer Güter. Ich schwöre bei Allah, dass sie eure Gewinne sind, welche Allah durch mich geschehen lässt und in Allahs Versorgung gibt es keine fremde Kraft.“[45]

Ebenso wird überliefert, dass wenn Abū Ḥanīfa ein neues Gewand anzog, er die älteren Gelehrten mit Kleidung denselben Preises versorgte.[46]

Darüber hinaus wird von al-Muṯannā b. Raǧā (gest. 220/835) überliefert, dass Abū Ḥanīfa die gleiche Ausgabe in Almosen tätigte, wenn er für seine Familie sein Vermögen ausgab.[47]

Zusätzlich interessierte und sorgte sich Abū Ḥanīfa stets um all seine Glaubensgeschwister, ob sie nun Familienmitglieder oder enge Freunde und Bekannte waren, oder gänzlich fremde Personen. So ging ein Mann öfters an Abū Ḥanīfa vorbei und setzte sich zu ihm, ohne eine Wissenssitzung zu beabsichtigen. Wenn dieser Mann dann aufstand, pflegte Abū Ḥanīfa ihn zu befragen. Wenn der Mann in Not war, half er ihm und wenn er krank war, besuchte er ihn. So entwickelte sich nach einiger Zeit ein permanenter Kontakt. [48]

Wie bereits erwähnt war Abū Ḥanīfa Seidenhändler. Eines Tages kam ein Mann zu ihm und forderte ein Gewand aus ẖaz[49]. Abū Ḥanīfa versprach ihm, das gewünschte Gewand zu besorgen. Nach weniger als einer Woche besaß er das Gewand und brachte es dem Mann. Auf die Frage nach dem Preis antwortete Abū Ḥanīfa, dass er einen dirham für das Gewand verlange. Der Mann nahm daraufhin an, dass Abū Ḥanīfa einen Spaß mit ihm gemacht hatte, denn dieser Preis war äußerst gering für ein derartiges Gewand. Abū Ḥanīfa erklärte ihm jedoch, dass dies keineswegs als Scherz gemeint war. Er sagte, dass er zwei Stoffe für zwanzig dīnār und ein dirham gekauft habe, eines davon habe er für zwanzig dīnār verkauft und dies sei übrig geblieben für einen dirham. Am Schluss erklärte er, dass er keinen Profit von einem Freund mache.[50]

Aus all diesen Aussagen und Geschichten geht die umfassende Großzügigkeit Abū Ḥanīfas hervor. Er übernahm Verantwortung für schwächere Personen der islamischen Gemeinde und war stets bestrebt, den finanziellen Wohlstand, mit dem Allah ihn gesegnet hatte, anderen zu Gute kommen zu lassen.

Abū Ḥanīfas Enthaltsamkeit und Frömmigkeit

Ebenso gelten Enthaltsamkeit und Frömmigkeit zu Abū Ḥanīfas Charaktereigenschaften. Zum Beispiel sagte Sawār b. Ḥakam, dass er niemanden gesehen habe, der frömmer gewesen sei als Abū Ḥanīfa.[51] Und auch Makkī b. Ibrāhīm (gest. 214/829), der Scheich von Imam al-Buẖāri, berichtet, dass er mit den Leuten von Kufa saß und für ihn niemand frömmer als Abū Ḥanīfa gewesen sei.[52]

Auch wird von Sawār b. Ḥakam überliefert, dass er sich so fromm an einen Schwur hielt, dass er es nicht einmal wagte, seiner eigenen Tochter im privaten Rahmen eine Fatwa zu geben, aus Angst davor, seinen vorherigen Schwur zu brechen. Man hatte ihm nämlich zuvor verboten, Fatwas zu geben. Als er und seine Tochter eines Tages miteinander aßen, unterbrach sie plötzlich das Essen, weil sie gelbliches Blut aus ihr herauskommen sah. Sie fragte ihren Vater daraufhin, ob sie jetzt deswegen die Gebetswaschung erneut verrichten müsse. Dieser entgegnete jedoch nur, dass es ihm nicht mehr gestattet sein, Fatwas zu geben und er einen Schwur abgelegt habe. Danach forderte er sie dazu auf, ihren Bruder Ḥammād zu befragen.[53]

Abū Ḥanīfa war ein genügsamer Mann, für den weltlichen Dingen und Besitztümern oder Vermögen keine sonderliche Relevanz besaßen. So berichtet uns Muḥammad b. Šuǧāʿ (gest. 266/880) von einigen seiner Gefährten, dass Abū Ǧaʿfar, der Befehlshaber der Gläubigen, Abū Ḥanīfa zehntausend dirham zugesagt habe. Abū Ḥanīfa war jedoch mit dieser Nachricht nicht zufrieden. Der Gesandte von al-Ḥasan b. Qaḥṭaba kam mit dem Geld und überreichte es ihm. Und Abū Ḥanīfa forderte ihn dazu auf, das Geld in eine Tasche zu legen und sie in einer Ecke im Haus zu verstauen. Später vermachte Abū Ḥanīfa seine Haushaltsgegenstände und sagte zu seinem Sohn: ,Nachdem ihr mich begraben habt, nimm diese Tasche und gehe damit zu al-Ḥasan b. Qaḥṭaba und sag ihm: ,Dies ist deins, was Abū Ḥanīfa aufbewahrt hat.‘ Nachdem Abū Ḥanīfa dann begraben wurde, wurde die Tasche zu al-Ḥasan b. Qaḥṭaba gebracht und zu ihm gesagt: “Dies ist deins, was Abū Ḥanīfa für dich aufbewahrt hat.” Al-Ḥasan entgegnete daraufhin: “Möge Allah mit deinem Vater gnädig sein, er war geizig mit seiner Religion.”[54]

Zuletzt liegt ein weiterer Beleg für die Tugendhaftigkeit Abū Ḥanīfas in seiner Gewissenhaftigkeit und seiner Bedachtsamkeit auf Ehrlichkeit im Handel vor. ʿAli b. Ḥafṣ al-Bazzāzz erzählt, dass Ḥafṣ b. ʿAbd ar-Raḥman der Geschäftspartner von Abū Ḥanīfa war. Und dass Abū Ḥanīfa derjenige war, der die Güter einkaufte und sie ihm dann zuschickte. Abū Ḥanīfa erklärte ihm, dass dieses und jenes Gut diesen und jenen Mangel aufwies und, wenn er sie verkaufe, er diesen Mangel offenlegen müsse. Eines Tages verkaufte Ḥafṣ ein Gut und vergaß dabei, den Käufer über den Mangel zu informieren. Er hatte sich auch den Namen des Käufers nicht behalten. Als Abū Ḥanīfa davon erfuhr, gab er den Preis der gesamten Waren in Almosen, um seine Schuld zu begleichen.[55]

Worte der Gelehrten über Abū Ḥanīfa

Es gibt zahlreiche Aussprüche über Abū Ḥanīfa, die seinen großen Stellenwert bei den namenhaften Gelehrten veranschaulichen.

Über den Authentizitätsgrad der von Abū Ḥanīfa überlieferten Hadithe sagte Yaḥyā b. Maʿīn (gest. 233/847), der Imam von dem Werk al- ǧarḥ wa at-taʿdīl: „Abū Ḥanīfa war ein vertrauensvoller Überlieferer (ṯiqa). Er hat nur Hadithe überliefert, die er auch auswendig konnte, und hat das Überliefern derjenigen Hadithe unterlassen, die er nicht auswendig beherrschte.“[56]

Bezüglich seiner Versiertheit in der islamischen Jurisprudenz sind zahlreiche Aussagen der Gelehrten bekannt, die dies bestätigen und hervorheben. So betonte al-Šafiʿi Abū Ḥanīfas besondere Stellung in diesem Bereich, indem er erklärte: ,Die Menschen sind in Fikh abhängig von Abū Ḥanīfa.‘[57] Von Ḥayyān b. Mūsā al-Marwazī wird berichtet, dass Ibn al-Mubārak danach gefragt wurde, ob Mālik oder Abū Ḥanīfa wissender im Fikh sei und dieser Abū Ḥanīfa angab.[58] Und al-Mubārak verallgemeinerte diese Aussage noch, indem er sagte: „Abū Ḥanīfa ist der Wissendste in Fikh.“[59] Und auch Makī b. Ibrāhīm (gest. 214/829), der Scheich von al-Buẖāri, war der Ansicht, dass Abū Ḥanīfa „der Wissendste auf der Erde“ war.[60]

Darüber hinaus erklärte Ḥafṣ b. Ġiyāṯ (gest. 194/810): „Die Worte von Abū Ḥanīfa im Fikh sind genauer als ein Haar, nur die Ignoranten würden seine Worte anzweifeln.“[61] Laut ʿAbdallāh b. Dāwud al-H̱arībī (gest. 211/827) sollten die Menschen in ihren Gebeten für Abū Ḥanīfa Bittgebete machen, da er für sie den Fikh und die Sunna bewahrt habe.[62] Zusätzlich gab Abū Nuʿaim al-Aṣbahānī (gest. 430/1038) über Abū Ḥanīfas Kenntnisse im Fikh an: „Abū Ḥanīfa war mit vielen Angelegenheit (im Fikh) gründlich vertraut.“[63]

Aḏ-Ḏahabī (gest. 748/1348) sagte: „Abū Ḥanīfa war ein Imam im Fikh und seine Meinungen werden in den Einzelheiten angenommen. Dies ist eine Angelegenheit, in der kein Zweifel besteht.“[64]

Zuletzt äußerte sich auch Al-Šafiʿi (gest. 204/820) mit den Worten: „Mālik (gest. 179/795) wurde mal gefragt: ,Hast du Abū Ḥanīfa jemals getroffen?‘ Er sagte: ,Ja, ich habe einen Mann gesehen, der in der Lage war, wenn du ihn fragst eine Säule zu Gold zu machen, dir dafür Beweise liefert.‘[65] 

Über Abū Ḥanīfas Umfang von Wissen allgemein sind ebenfalls unzählige Aussprüche bekannt. So sagte ʿAli b. ʿĀṣim (gest. 201/817): „Würde man das Wissen von Abū Ḥanīfa mit dem Wissen der Menschen seiner Zeit abwiegen, würde sein Wissen ihres überwiegen.“[66] Als al-Aʿmaš (gest. 147/765) wegen einer Angelegenheit befragt wurde, antwortete er: „Der Einzige der sich da gut auskennt, ist an-Nuʾmān b. Ṯābit al-H̱azāz (Abū Ḥanīfa). Ich glaube, dass er in seinem Wissen gesegnet worden ist.“[67] Rawḥ b. ʿUbāda (gest. 205/821) sagte, dass ʿAbd al-Malik b. Ǧuraiǧ sehr über den Tod von Abū Ḥanīfa betrübt war und bedauerte, mit wie viel Wissen er gegangen sei.[68]

ʿAli b. al-Ǧaʿd (gest. 230/750) sagte: „Wir waren eines Tages bei Zuhair b. Muʿāwiya (gest. 171/788) und ein Mann kam zu ihm und Zuhair fragte ihn: ,Von wo kommst du?‘ Er sagte: ,Von Abū Ḥanīfa.‘ Zuhair sagte: ,Wenn du einen Tag bei Abū Ḥanīfa verbringst, ist es für dich vorteilhafter, als wenn du bei mir einen Monat verbringst.‘“[69] ʿAbd aṣ- Ṣamad b. ʿAbd al-Wāriṯ (gest. 206/822) sagte: „Wir waren bei Šuʿba b. al-Ḥaǧāǧ (gest. 160/777), als er über den Tod von Abū Ḥanīfa erfuhr, er sagte: ‚Mit ihm ist das Fikh-Wissen von Kufa gegangen. Möge Gott uns und ihm seine Gunst erweisen.‘“[70] Šuʿba b. al-Ḥaǧāǧ erklärte ebenso: „Er hatte, ich schwöre bei Allah, ein gutes Verständnis und Gedächtnis.“[71]

Ḥātim b. Ādam (gest. 239/854) überliefert uns: „Ich sagte zu al-Faḍl b. Mūsā al-Sainānī (gest. 191/807): ,Was sagst du über diejenigen, die über Abū Ḥanīfa schlecht reden?‘ Er sagte: ,Abū Ḥanīfa kam zu ihnen mit Wissen, was sie verstehen und was sie nicht verstehen konnten, und er ließ nichts für sie, so beneideten sie ihn.‘”[72] Yaḥyā b. Saʿīd al-Qaṭṭān (gest. 198/814) sagte: „Wir belügen Allah nicht. Wir haben nichts gehört, was besser als die Ansicht von Abū Ḥanīfa ist und wir haben sehr viele seiner Ansichten angenommen.“[73]

Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī (gest. 852/1449) sagte: „Die Tugenden von Imam Abū Ḥanīfa sind sehr viele. So möge Allah, der Allmächtige, mit ihm zufrieden sein und ihm in das höchste Paradies eintreten lassen. Amen.“[74] 

Auch lobten die Gelehrten das vorbildhafte Verhalten Abū Ḥanīfas. Beispielsweise sagte ʿAbdallah b. al-Mubārak (gest. 181/797): „Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der in seinen Sitzungen ein besseres Verhalten an den Tag legte oder ehrwürdiger und milder war als Abū Ḥanīfa.”[75] Abū Ḥanīfa liebte die Ermahnungen und war nicht zu hochmütig, um diese anzunehmen. So hörte Zaid b. Kumait (gest. 126/744) wie ein Mann zu Abū Ḥanīfa sagte: “Fürchte Allah.” Er war still, fing an zu zittern, wurde blass und sagte: “Möge Allah dich mit Gutem belohnen. Wie sehr die Menschen jemanden nötig haben, der ihnen so etwas sagt.”[76]

Abschließend ist die Meinung von Abū Muʿāwiya ad-Ḍarīrī (gest. 194/810) zu nennen, dass Abū Ḥanīfa zu lieben von der Sunna sei.[77]

Abū Ḥanīfa, ein guter Nachbar

Auch als Nachbar legte Abū Ḥanīfa stets ein vorbildliches Verhalten an den Tag. ʿAbdallāh b. Raǧāʾ al-Ġaddānī berichtet uns, dass Abū Ḥanīfa einen Nachbarn hatte, der als Schuhflicker arbeitete. Abends, wenn er nach Hause kam, kehrte er mit Fleisch zurück, das er kochte, oder Fisch, welchen er röstete. Dann fing er an, Wein zu trinken, bis er vollkommen betrunken war und sang:

,Sie haben mich ruiniert und was für einen Jungen sie doch ruinierten, für einen schlechten Tag und ein versiegeltes Loch (ein Gedicht auf Arabisch).‘

Er hörte nicht auf, Wein zu trinken und diese Verse zu wiederholen, bis er einschlief. Abū Ḥanīfa hörte seine Geräusche, da er immer die ganze Nacht lang betete. In einer Nacht hörte Abū Ḥanīfa seine Stimme nicht und fragt nach ihm. Ihm wurde gesagt, dass ihn Staatsgewalt festgenommen und eingesperrt habe. Abū Ḥanīfa betete das Morgengebet, ritt zum Emir und bat ihn um die Freilassung seines Nachbarn.  Der Emir ließ den Mann frei und so kehrte Abū Ḥanīfa mit ihm zurück. Nachdem Abū Ḥanīfa abstieg, ging er zu ihm und sagte: ,Oh Mann, wir haben dich im Stich gelassen?!‘ Er sprach: ,Nein, im Gegenteil. Du hast mich bewahrt. Möge Allah dich mit Gutem belohnen, dass du dich um das Recht der Nachbarschaft kümmerst und dich um die Wahrheit sorgst.‘ Danach bereute der Mann und kehrte nicht zu den Sünden zurück, die er vorher beging.[78]

Die Prüfung Abū Ḥanīfas an-Nuʿmān

Abū Ḥanīfa musste eine schwere Prüfung als Resultat seiner Ablehnung eines Richterpostens in Kufa erleiden. Darüber berichtet ʿUbaidallāh b. ʿAmr ar-Raqqī (gest. 180/796). Er erzählt: „Der Emir Ibn Hubaira bat Abū Ḥanīfa, den Richterposten in Kufa anzunehmen, jedoch verweigerte er dies. Daraufhin schlug ihn der Emir 110 Mal. Jedoch verweigert er immer noch, den Posten anzunehmen. Als Ibn Hubaira sah, dass er seine Meinung nicht ändern konnte, ließ er ihn gehen.“[79]

Der Tod von Abū Ḥanīfa an-Nuʿmān

Ḥammād b. Abī Ḥanīfa (gest. 176/793) sagte: „Als mein Vater starb, baten wir al-Ḥasan b. ʿImmāra, ihn zu waschen. Nachdem er ihn wusch, sagte er: ,Möge Allah mit dir barmherzig sein. Du fastest seit 30 Jahren und seit 40 Jahren hast du dich am Abend nicht hingelegt. Du hast jeden, der nach dir kommt, überfordert und die Gelehrten blamiert mit deinen guten Taten.‘” [80]

Abū Ḥanīfa starb im Jahr 150 n. H.  AH, als er siebzig Jahre alt war. Das Totengebet wurde in Bagdad auf ihn sechs Mal verrichtet, da zu viele Menschen anwesend waren. Seine Grabstätte ist heute noch in Bagdad vorzufinden.[81]

Fazit

Abū Ḥanīfa war eine vortreffliche Persönlichkeit, der sein Leben ganz seiner Religion widmete und seine Taten auf den Koran und die prophetische Sunnah begründete. Er besaß das richtige Verständnis von der Religion und stand für seine Ansichten ein. Trotz der Prüfung, die Abū Ḥanīfa durchlitt, blieb er standhaft in seinem Glauben und seiner Überzeugung und vertraute auf Allah. Sowohl in seinen Charaktereigenschaften, als auch in den restlichen überlieferten Verhaltensweisen und Umgangsformen mit seinen Mitmenschen sind Lehren für uns zu ziehen und sie sollten uns als Vorbild gelten.

 

 * Diese Darstellung baut auf den arabischen Artikel: https://www.alukah.net/sharia/0/99420/ auf.

[1] Aḏ-Ḏahabī: Siyar Aʿlām an-Nubalāʾ, Bd. 6, S. 390.

[2] Ibid., Bd. 6, S. 391.

[3] Philosophie.

[4] Abū Ḥanīfa soll unter den Menschen derartig bekannt für sein Wissen in der Philosophie gewesen sein.

[5] Irak.

[6] Siyar Aʿlām an-Nubalāʾ, Bd. 6, S. 397–398.

[7] Ibid.

[8] Tārīẖ al-Baġdādī, Bd. 13, S. 334.

[9] Wahnsinn, Wahnsinn. Ein Ausdruck, um unter anderem Bewunderung auszudrücken.

[10] Ibid., Bd. 13, S. 334.

[11] Ibid., Bd. 13, S. 335.

[12] Ibid., Bd. 6, S. 391.

[13] Ibid., Bd. 6, S. 393–394.

[14] Ibn ʿAbdalbarr: al-Intiqāʾ, S. 163.

[15] Bei der Gebetswaschung.

[16] Ibid., S. 166

[17] Ibid., S. 166

[18] Sure at-Tawba: 102.

[19] Sure an-Nisā: 48.

[20] Ibn ʿAbdalbarr: al-Intiqāʾ, S. 167–168.

[21] Durch das Aussprechen der aš-šahāda.

[22] Die Mehrheit der sunnitischen Gelehrten sehen das Handeln gemäß der Überzeugung auch als einen festen Bestandteil des īmāns. Somit setzt sich der īmān aus Folgenden Bestandteilen zusammen: 1. der Überzeugung im Herzen, 2. dem Aussprechen dieser mit der Zunge, 3. und dem Handeln dementsprechend.

[23] Ibid., S. 168.

[24] al-H̱aṭīb al-Baġdādī: Tārīẖ al-Baġdādī, Bd. 13, S. 331.

[25] Sie wurde bestraft, weil sie durch ihre Aussage anderen die Untreue vorgeworfen hatte.

[26] al-Intiqāʾ, S. 152–153.

[27] Ibid., S. 154.

[28] Das heißt, er konnte nicht sagen, dass er nicht an den Wali (Allah) und die zwei Zeugen (Engel) glaubt.

[29] Ibid., S. 154.

[30] Ibid., S. 161.

[31] Tārīẖ al-Baġdādī, Bd. 13, S. 363.

[32] Ibid., Bd. 13, S. 364.

[33] Ibid., Bd. 13, S. 364

[34] Ibid., Bd. 13, S. 366

[35] Ibid., Bd. 13, S. 353

[36] Ibid.

[37] Ibid.

[38] Ibid.

[39] Dt. Nadel, Nagel.

[40] Siyar Aʿlām an-Nubalāʾ, Bd. 6, S. 400.

[41] Ibid., Bd. 13, S. 356.

[42] Ibid., Bd. 6, S. 401.

[43] Ibid., Bd. 13, S. 363.

[44] Ibid., Bd. 13, S. 356.

[45] Ibid., Bd. 13, S. 362.

[46] Ibid., Bd. 13, S. 358.

[47] Tārīẖ al-Baġdādī, Bd. 13, S. 363.

[48] Ibid., Bd. 13, S. 362.

[49] Eine Seidenart.

[50] Ibid., Bd. 13, S. 362.

[51] Al-Intiqāʾ, S. 169.

[52] Tārīẖ al-Baġdādī, Bd. 13, S. 363.

[53] Al-Intiqāʾ, S. 169.

[54] Ibid., Bd. S. 169.

[55] Tārīẖ al-Baġdādī, Bd. 13, S. 358.

[56] Siyar Aʿlām an-Nubalāʾ, Bd. 6, S. 395.

[57] Ibid., Bd. 6, S. 403.

[58] Ibid., Bd. 6, S. 402.

[59] Ibid., Bd. 6, S. 403.

[60] Ibid., Bd. 10, S. 110.

[61] Ibid., Bd. 6, S. 403.

[62] Ibn Kaṯīr: al-Bidāya wa an-Nihāya, Bd. 10, S. 110.

[63] Tahḏīb at-Tahḏīb, Bd. 5, S. 630.

[64] Siyar Aʿlām an-Nubalāʾ, Bd. 6, S. 400.

[65] Ibid., Bd. 6, S. 399.

[66] Ibid., Bd. 6, S. 403.

[67] Al-Intiqāʾ, S. 126.

[68] Ibn Ḥaǧr al-ʿAsqalānī: Tahḏīb at-Tahḏīb, Bd. 5, S. 630.

[69] Al-Intiqāʾ, S. 134.

[70] Al-Intiqāʾ, S. 126.

[71] Ibn Ḥaǧr al-Makkī: al-H̱ayrāt al-Ḥisān, S. 34.

[72] Ibid., S. 136.

[73] Siyar Aʿlām an-Nubalāʾ, Bd. 6, S. 402.

[74] Tahḏīb al-Tahḏīb, Bd. 5, S. 631.

[75] Ibid., Bd. 6, S. 400.

[76] Siyar Aʿlām an-Nubalāʾ, Bd. 6, S. 400.

[77] Ibid., Bd. 6, S. 401.

[78] Tārīẖ al-Baġdādī, Bd. 13, S. 362–363.

[79] Tahḏīb al-Tahḏīb, Bd. 5, S. 630.

[80] Ibid., Bd. 5, S. 630.

[81] Al-Bidāya wa an-Nihāya, Bd. 10, S. 111.

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